Günter Wirth
Günter Wirth

1954: Marlies

Günter Wirth  fiel auf einer Veranstaltung  ein schwarzhaariges Mädchen  mit einem eng anliegendrm geblühmten Kleid auf,  das ihre

Figur besonders betonte. Er spach sie an.  Sie hieß Marlies und kam aus Henningsdorf gegenüber von Heiligensee. Henningsdorf lag in der Ostzone und hatte einen S-Bahnhof. Heiligensee ebenfalls einen, lag aber im französischen Sektor, also in der Westzzone. Ein Westberliner hatte an der Stelle keinen Zugang zum Osten, da es keinen Grenzübergang gab. Deshalb verbredeten sich beide für ein Treffen in Tegel,  zwei Stationen entfernt von Heiligensee. Sie trafen sich von da an mehrmals in der Woche  und gingen meistens ins Kino. Marlies brachte ihm später öfters Schinken oder Salami aus der DDR mit, die Günter so gerne aß.

 

Günter  hatte von der Mindener Straße in Charlottenburg aus  bis Tegel eine weite Strecke zu fahren.  Erst mit der Ringbahn  von der Jungfernheide bis zum Gesundbrunnen und mit Umsteigen in den Vorortzug in Richtung Henningsdorf. Letztere Strecke war zum Teil eingleisig und besonders interessant,  da sie lange Strecken direkt an der Grenze entlang fuhr. Von Wagenfenster aus konnte man in die Hinterhöfe der Häuser und Fabrikanlagen blicken  und die Stacheldrahtverhaue verfolgen, die sich von Dach zu Dach der Häuser 

schlängelten.

 

Marlies  hatte ihrer Mutter von Günter berichtet  und die sagte ihrer Tochter,  sie solle ihm  möglicht rasch  davon in Kenntnis  setzen, daß sie schwanger sei. Sie tat es und Günter fragte nach dem Vater. Der hatte sich aus dem Staub gemacht. Marlies kam danach oft zu der Familie Wirth  und wurde gut aufgenommen.  Günters Vater  fragte ihn eines Tages, ob das Kind von ihm sei, was Günter ver- neinte. Günter vermied es mit Marlies darüber zu sprechen. Ihn fehlte der Mut dazu, weil es ihm leid tat.

 

Doch dann platzte die Bombe.  Gisela hatte es von Günter erfahren und rigoros und energisch wie sie war,  stand sie als Marlies mal zu Besuch war,  vor der Wohnungstür und als seine Großmutter öffnete,  schob Gisela sie zur Seite  und stürmte den langen Flur der Nachbarfamilie entlang bis zu Wirth´s Tür und ins Wohnzimmer.

 

Marlies  erhob sich, packte ihre Sachen und ging davon. Alles ging so schnel, daß niemand  es so richtig  mibekommen konnte.  Wie Günter  später erfuhr,  ist Marlies  den weiten Weg  von der Mindener Straße  bis zur Kantstraße gelaufen,  wo sein Freund Armando Santamaria wohnte..

 

ENDE  (fertig gestellt am 25.5.2018)