Günter Wirth
Günter Wirth

1953: Frederick

1954: Frederick Collin, Sohn des norwegischen Attachées General Collin in Westberlin

1953 war Günter Wirth  unter dem Spitznamen  CHIEF  als Stammgast  im Jazzkeller  KAJÜTE  bekannt.  Die Kajüte war eine Keller- gaststätte  in einem ausgebrannten Wohnhaus  gegenüber der Rückseite  des Rathhaus Schöneberg,  wo H.W. Schneider  mit seiner Band  Dixilandmusik spielte. Eines Abends  lernte Günter Wirth dort  Frederick Collin kennen. Als er eine Cola bestellte , brachte eine Kellnerin ihm eine  und wartete auf die Bezahlung.  Aber Frederick schrieb stattdessen mit linker Hand  in sein Notizbuch "1 COLA 80 Pfennige".  Günter Wirth  machte ihn  auf die wartende Serviererin aufmerksam  und sagte ihm "Bezahle erst und schreibe dann".  Er war etwas behindert  und linkisch. Günter und Frederick sprachen miteinander und freundeten sich an. Dann lud Frederick Günter für den kommenden Tag  zu einer Party in seiner Wohnung in der Heerstraße ein und  gab ihm seine Adresse. Als Günter Wirth dann am

nächsten Abend die Heerstaße rauf und runter lief,  fand er zunächst das Haus nicht, er lief immer daran vorbei.  Als er es schließlich 

fand, war er verblüfft.  Es war taghell erleuchtet  und im Vorgarten flatterte an einem Mast ei ne Norwegische Flagge.

1954: Die Familie des norwegischen Attachées General Collin mit seiner Frau Violet und seinem Sohn Frederick

Das Haus war der private Wohnsitz  des norwegischen Attaches General Collin  und seiner Famiie in Westberlin. Frederick  begrüßte Günter und stellte ihn seiner Famile vor, die ihn willkommen hieß.  Die Frau des Generals, Frau Violet Collin beobachtete, daß er Fre-

derick  hin und wieder zur Seite stand und half.  Frederick  war etwas linkich und unbeholfen. Günter Wirth  wurde noch oft in die Villa der Collins eingeladen und genoß die Gastfreundschaft  der Familie. Er lernte die norwegische Küche kennen und genießen. Seitdem ißt er seine Schnitzel immer mit Konfitüre oder Marmelade bestrichen. 

 

Bald betrachtete ihn Frau Violet Collin  als ihren zweiten Sohn,  und als er ein paar Wochen später wegen einer Operation, einem Ab-

szess, und bis zur richtigen Reife noch 10 Tage lang im Westendkrankenhaus liegen mußte, besuchte Violet  ihn  jeden Tag  mit dem Diplomatenauto und ihrem Fahrer. Der mußte jedesmal  einen großen Korb tragen,  der mit den herrlichsten Dingen bestückt war und

stets mit einer Rotweinflasche, Marke Patriarch.  Der Saal, in welchem Günter Wirth lag,  und das ist für die Jahre 1953 und 1954 ein Zeitzeugnis, hatte 18 Betten!  So konnte Günter Wirth  alle Zimmergenossen versorgen.

 

Da der General  stets  seinen privaten  amerikanischen Schlitten fuhr,  überließ er  den Diplomatenwagen seiner Familie.  Der Wagen war ein schwarzer Humber mit einem Fenster zwischen Fahrer und den Fahrgästen und hatte, da er von den Engländern zugelassen war, vorne am Bug zwei Ständer mit norwegischer und britischer Flagge.  Wenn Frederick mit Günter Wirth in dem Diplomatenwagen und oft mit ostberliner Mädchen unterwegs war, genoß Günter die freie und unkontrollIerte Fahrt über die Sektorengrenze,  die Vopos standen stramm und salutierten.

 

Eines Tages  wollten Frederick und Günter nach Ostberlin fahren. Als sie in der Nähe des Kurfürstendamm in Charlottenburg waren, ärgerte sich ihr Fahrer über einen großen offenen amerikanischen Wagen, in dem nur der Mann am Steuer saß, der ihn des öfteren überholte und den Kudamm auf und ab fuhr. Als es ihm zu viel wurde, überholte er ihn und stellte sich vor dem Marmorhaus quer vor ihm. Die Polizei wurde gerufen und Menschen standen um die zwei haltenden Autos. Ein Polizist verlangte den Führerschein des Wagens. Da rief dieser, "Ja kennen Sie mich denn nicht?"  Ein junges Mädchen unter dem Umstehenden rief: "Das ist ja der Biederstäed, der Schnulzenheini". Das Auto hatte das Kennzeichen M - CB und eine Nummer. Der Klaus Biederstad war damals 26 Jahre alt. Die Polizei rief die englische Militärpolizei und überließ denen alles weitere. Wir fuhren schmunzelnd weiter nach Ostberlin.

 

Bei einem Treffen im Haus des Generals mit britischen Offizeren lernte Günter Wirth auch Willy Brandt kennen,  der zu der Zeit  noch Abgeordneter  des Deutschen Bundestags war.  Bei diesem  und auch  allen anderen  Treffen rauchte man  mit Vorliebe  sowjetische Zigaretten,  die schwarz gewickelt waren,  ein goldenes Mundstück hatten  und etws länger  und minimal dünner waren  als deutsche oder amerikanische Zigaretten. Man kaufte sie im PX-Laden des NAAFI-Clubs am Reichskanzlerplatz. In der Nähe war dort auch der britische Quaker Jugendclub,  wo Günter mit Schulkameraden oft war,  feierte und auch, wenn es spät wurde, auf dem Fußboden mit Decken und Kissen  übernachtete.  

 

Als das  General-Ehepaar  einmal zusammen zu einem Empfang war,  ließ Violet Günter zu Besuch kommen. Frederick hatte Günter

gebeten, zwei Damen mitzubringen. Der Fahrer holte ihn und die Damen ab. Die in Ostberlin wohnende FDJ-lerin  und die im Westen

lebende Schwester seines Lehrerkollegen Herbert Regelin.

 

Herbert heiratet seine Frau Ursula.  Zum Polterabend  sind alle Studenten des Bausemesters der Ingenieursakademie dabei.  Günter lernt die beiden Schwestern von Herbert kennen. Da die eine Schwester noch keinen Begleiter für die Hochzeit und  die Feier danach

hat, lädt sie Günter dazu ein.  Sie gefällt Günter  und nach der Hochzeit werden sie  für mehrere Wochen ein Paar. Da sie durch ihren Beruf genug Geld verdiente, Günter aber noch immer klamm war,  übenahm sie immer die Bezahlung,  auch die für das Hotelzimmer. In einer Nacht  war Günter im Bett  so vom Schüttelfrost gepeinigt, daß keine rechte Stimmung aufkommen konnte.  Beide besuchten

sich in ihren Familien gegenseitig. 

 

Die Dame in Ostberlin  lernte er durch einen Zettel  mit Namen und Adresse kennen,  als er einmal  von seinen Hormonen geplagt, in seiner Brietasche kramte.  Er wußte nicht, wer sie war, ob er sie  kennen gelernt hatte und wo. Aber er war neugierig  und fuhr zu der

Adresse.   Ihre Mutter  öffnete  und ließ  Günter  im Zimmer ihrer Tochten warten.  Als sie kam,  setzte sie sich sofort  bei ihm  auf den Schoß. Günter war baff. Wer war das?  Sie aber hatte noch eine gute Erinnerung an ihn  und freute sich nun  über das Wiedersehen. Es muß wohl ein FDJ-Mädchen von den Weltfestspielen der Jugend und Studenten am 5.8.1951 vor zwei Jahren gewesen sein.  Sie

wurde wie die Westberlinerin und Günter vom Fahrer des Norwegischen Konsolats zu der Villa der Collins gefahren.

 

Frederick öffnete die Tür,  freute sich  und verschwand  mit ihr  nach oben in sein Zimmer.  Günter und die Ostdame blieben zurück in der Emfangshalle. Im großen Zimmer mit den vielen Fenstern brannte alles Licht, was nur brennen konnte. Die Vorhänge waren offen und  eine Verdunkelung war nicht möglich.  Sie ließen sich auf der Couch nieder.  Es war die erste und letzte Nacht, die sie allein ver-

brachten. 

.

Sie hatte eine Freundin,  wahrscheinlich eine aus ihrer FDJ-Truppe , die einen Mann aus dem Westen kennen gelernt  und geheiratet hatte.  Er hatte im Wedding  einen Kolonalwarenladen und zwei Babys. Günter traf sich öfters  auf dem S-Bahnhof Friedrichstraße mit ihr und da er wie immer, kein Geld hatte,  fuhren beide zu der Freundin.  Wenn es dunkel wurde,  fuhren sie meistens  zu Viert  an die Havel zum Schwimmen.  Wie die Kinder  der DDR  es gewohnt waren , wurde nackt  geschwommen.  Günter war da sehr prüde,  zog sich nicht aus und wartete ihr Wasservergnügen ab.

 

Im  Haus der Freundin  kümmerten sich alle  um die kleinen Kinder und es wurde  Günter  bei Übernachtungen  langweilig.  An einem anderen Tag  war sie  es,  die ihm auf dem S-Bahnhof den Lufpaß gab,   ihn einach stehen ließ  und davon lief. Gott sei dank, die war er los.

 

Zu allen Fahrten holte ihn  der Fahrer ab,  ob vom Club,  von der Ingenieurschule in Schöneberg,  von zu Hause  aus der Wohnungs-ruine  in Charlottenburg,  von seiner  im Ostsektor am Frankfurter Tor wohnenden Freundin Helga Kulicke. 

 

Wenn der Diplomatenwagen mit den Flaggen vor deren Haus auf Helga und Günter wartete, erregte er stets das Aufsehen der Haus- bewohner, der ganzen Straße  und dann  auch später  der Stasi.  Als Günter Wirth wie üblich  nach dem Studium  zu ihr fuhr,  war sie eines Tage  verschwunden.  Eine Nachbarin  meinte, sie hätte  Helga seit  drei Tagen  nicht mehr gesehen  und argwöhnte,  sie hätte vielleich  nach dem Westen rübergemacht, was aber für Günter Wirth völliger Blödsinn war,  denn mit den Fahrten über die Sektoren-renzen hinweg hätte sie es  mit dem Diplomatenwagen leichter anstellen können.

 

So erkundigte er sich erstmal  bei ihrer Arbeitsstelle in den Kabelwerken Ostberlins, ob sie denn zur Arbeit käme.  Dort fragten sie ihn warum ihm das interessiert und nach einigen Erklärungen seinerseits verwiesen sie ihn in einen Raum wo zwei Männer ihn verhörten. Günter Wirth  ergriff die Intiative  und sprach  die beiden direkt an  und sagte ihnen,  daß seine Freundin  zwar bildhübsh sei,  darüber hinaus aber dumm sei  und bei der kleinsten Lüge puterrot werden würde und als eventuelle Agentin völlig ungeeignet sei. Die Herren sahen sich an,  das hatten sie wohl schon selbst bemerkt,  entschuldigen sich bei ihm,  beruhigten ihn  und ließen ihn gehen.

 

Amnächsten deren Tag war sie wieder zu Hause, aber mit einem unsichtbar verpaßten Maulkorb. "Ich darf nichts sagen".

 

Wärend Günter Wirth in seinem Atelier in Neapel war, verstarb Violet. Der General wollte es Günter Wirth persönlich mitteilen und der Fahrer fuhr ihn zu der Ruinenwohnung. Er traf aber nur Heinrich Wirth an  und hörte von ihm, daß Günter seit zwei Wochen in Neapel sei,  seine Frau und er beuruhigt seien und sie nach Neapel fahren wollten,  um ihn zurück zu holen.  Die beiden 25.1.2019Offiziere verstanden sich auf Anhieb  und so bat der General Collin  Heinrich Wirth,  Frederrick mitzunehemen. Er als vielbeschäftigter Diplomat konnte mit seinem nun mutterlosen Sohn nichts anfangen, er stand ihm immer im Wege. 

                         

So  brachen sie  zu Dritt  im Sommer 1954  nach Neapel auf.  Günter Wirth´s Mutter  genoß die Fahrt  durch die Bergwelt Österreichs und Italiens. Sie ärgerte sich aber zusehends,  weil Frederick keinen Blick aus dem Fenster warf und stattdessen in einem Comic las.

Darüber beklagte sie sich bei Günter,  der Mühe hatte, seiner Mutter  zu erklären, daß Frederick  als Diplomatensohn  schon ganz an-ere Bergwelten in Südamerika gesehen hatte.

 

Am Bahnhof  in Neapel  nahmen  sie eine Taxe  und ließen sich  zu der  Heinrich bekannten  Adresse  in die  Via Mezzocannone Nr.3 fahren.

 

Günter Wirth  saß gerade wegen der heißen Mittagshitze auf der Schwelle der Haustür als er  ein Taxi die Straße heraufkommen sah, das ausgerechnet vor seinem Haus hielt. Die Türen öffneten sich  und heraus  kletterten Frederick und seine Eltern. Günter Wirth war

mehr als überrascht.  In dem Moment  kamen drei Professoen von dem Hintereingang der Universität und Corda Fratres herüber  um ihn zu besuchen. Er machte sie mit den drei Berlinern bekannt und zusammen fuhren sie mit dem Fahrstuhl die zwei Geschosse rauf und gingen zu Fuß bis zum obersten fünften Stochwerk, dem Dachgeschoß .

 

Günter Wirth  zeigte seinen Besuchern  die Wohnung  der Frau Esposito  und sein  Wohnzimmer und Atelier.  Am frühen  Nachmittag

führte er seine Eltern durch die Altstadt  und zu der Garagenwohnung  von Vincenzo und Ninetta.  Frederick hatte sich abgeseilt  und ging einkaufen. Der Vater begrüßte Günter´s Freundin Ninetta. Vincenzo war unterwegs und nicht zugegen. Die Eltern und Günter wurden ständig von bettelnden Kindern umringt. Da half auch kein "Ma ce wo, wa tenne". Plötzlich springt ein Knabe Clara an und entwendet ihr mit schnellem Griff die Matterie aus ihrer Kleidertasche. Was für ein Unglück für eine auf das Hörgerät angewiesene Frau! Bei der neapolitanischen Familie war Vincenzo zurück gekommen und als er nach der Begrüßung von dem Vorfall erfährt, die Kindern waren ebenfalls mit bis zu seriner Garagenwohnung gekommen, genüdten einige Worte und ein Junge stütmte davon und kam mit der Batterie wurück.

 

Günter zeigte seinen Eltern und Frederick  noch den Hafen Neapels  und den Uferweg nach  Santa Lucia in  Richtung Mergellina und einige Sehenswürdigkeiten. 

 

Heinrich Wirth  lernte auch seine Freunde  Lucio Amelio aus Resina  und seinen neuen Briefmarkenfreund  Tuillio Pellone kennen. Er

lud Lucio  für das nächste Jahr  nach Berlin ein.  Für Tuillios Vater,  einem Großgrundbesitzer, war Heinrich Wirth  als Verrmessungs-

techniker  ein willkommender  Gesprächspartner.  Er lud  die drei Berliner Besucher  zu einer Ausflugsfahrt  auf sein  Grundstück ein, 

bewirtete sie  und hatte  mit Heinrich Wirth viel zu besprechen.

 

Nach drei oder fünf Tagen war endlich  ein Badeurlaub angesagt.  Zu Viert fuhren sie nach Rimini an der Adria.  Hier gefiel es  Günter ganz und garnicht,  sogar die Straßennamen waren in Deutscher Sprache. Ern vergaß das Duschen nach dem Baden in den salzigen

Wasser und holte sich einen saftigen Sonnenbarand.  Nach einer Woche ging es weiter  zu dem nahebei liegenden  San Marino. Hier war es nicht so überlaufen wie in Rimini. Auf dem Postamt  erstand er eine gerade neu herausgekommene Luftpostmarke zu 300 Lire (ca. 10 Mark),  die er später über Ebay für 350,00 DM verkaufte. Einen Tag später wurde die Rückfahrt nach Berlin über Neapel, Rom und München angetreten.

 

Als sie aus dem sonnigen Itaien  nach Deutschland zurück kamen, war München bereits tief verschneit.  Frederick war wieder bei sei-

nem Vater. General Collin  wurde versetzt  und bachte seinen Sohn  als Heizer auf einem norwegischen Frachter unter.  Seit der Zeit

ist der Kontakt zu Frederick und seinem Vater verloren gegangen. Wo Violet begraben wurde, ob in Berlin oder in Norwegen, weis er

auch nicht.

 

ENDE (Abgeschlossen am 25.1.2019) ***