Günter Wirth
Günter Wirth
1954: Norwegischer Attachée General Collin

1954: Attachée General Collin

Der norwegische General Collin  wurde von der Regierung Norwegens  als Attachée  den Alliierten Besatzungsmächten  in Berlin zu-geteilt und wurde  der englischen Militärregierung in Westberlin  unterstellt.  Er bekam eigene Diensträume und einen neuen Humber

New Imperial mit einer spezieller Lingssteuerung. Er hatte ein CD-Schild und britische Zulassungsnummern.  Auf jeden der vorderen

Schutzbleche  hatte er einen Ständer, links mit einer britischen und rechts mit einer norwegischen Flagge. Zwischen dem Fahrer und den Fahrgästen war eine gläserne Glastrennwand zum Auf- und Zuschieben.

Der General Collin traf sich öfters  mit britischen Offizieren zu Diskussionen und Meinungsaustausch in seiner Wohnung.  Einmal war

auch ein Deutscher Gast dabei. Er war vor der Machtübernahme Hitlers nach Norwegen geflohen, arbeitete dort für den Wiederstand

Als gebürtiger Herbert Frehm nannte er sich nun Willy Brandt und heiratete 1941die Norwegerin  Charlota Thorkildsen.  Während der Besetzung  Norwegens  durch Deutsche Truppen  floh er nach Schweden. Er ließ sich  von Charlota scheiden und heiratete 1944 die

Norwegerin Rut Hansen.  1947 wurde er  Presseattachée  der Norwegischen Militärmission  in Westberlin  und erhielt 1948 die Deut-sche Staatsbürgerschaft zurück, behielt aber  den Namen  Willy Brandt  weiterhin  und wurde Abgeordneter  des Deutschen Bundes-tags. Rut Brandt trennte sich von ihm und heiratete einen alten norwegischen Freund Ole Olstadt Bergaust.

Herr Collin  war ein eingefleischter Herrenfahrer  und an Stelle des Diplomatenfahrzeuges  fuhr er lieber mit seinem privaten amerika-

nischen Cabriolet  und überließ den Humber seiner Familie.  Violet braucht ihn selten,  da alle Besorgungen ihr Fahrer für sie machte.

Und  Frederick hatte  noch keinen  Führerschein.  So standen  Fahrer und Humber  allein zur Beförderung  von Frederick  und Günter zur Verfügung.  Frau Violet schickte ihren Fahrer, ob mit oder ohne Frederick, immer Günter Wirth von wo auch immer zu den Treffen.

abzuholen,  von der Charlottenburger Ruine in der Mindener Straße 22, von der Bauakademie in Schöneberg  oder von seiner in Ost Ost- berlin an der Stalinallee wohnenden Freundin Helga. Dort fiel der Diplomatenwagen besonders auf und Anwohner und die Pas-sahen sich den Wagen neugierig an. Auch die Stasi ließ ihn beobachten. (siehe hierzu Blog 1953: Frederick !)..

Die Britischen Offiziere unterhielten sich mit dem General Collin, Frederick und Willy Brandt auf Englisch und Norwegisch und Günter

Wirth stellte  dabei fest,  daß Frederick  ordentlich mithielt.  Bei der Diskussion  hörten ihm alle zu  und antworteten ihm ernsthaft.  Er

war zwar etwas linkisch und behindert, aber hochintelligent und redegewandt.

 

Günter Wirth  unterhielt sich mit Willy Brand  in Deutsch und stellte bei ihm  einen leichten  norwegischen Dialekt fest.  Interessant ist, daß  die englischen Offiziere  sowie Herr Collin  und Willy Brandt  eine Vorliebe  für sowjetische Zigaretten hatten.  Diese waren  aber nicht wie  deutsche und amerikanische Zigaretten in weißem,  sondern in schwarzem Papier  gewickelt,  hatten goldene Mundstücke, und waren dünner, aber etwas länger  als gewöhnliche Zigaretten. Sie wurden  im PX des NAAFI-Clubs am Reichskanzler Platz ver-kauft, wo die Deutschen nicht hinein durften..

Die Ehefrau  des General Collin, Violet Collin, fand immer mehr Gefallen  an ´chief   und bald wurde sie  zu Günter Wirth  eine zweite Mutter. Als er wegen eines schmerzhaften Abszess  ins Westendkrankenhaus  kam  und dort noch über zehn Tage   auf einen Reife- prozeß  für eine Operation  zu warten hatte,  besuchte sie ihn  mit ihrem Fahrer jeden Tag.  Der Fahrer  mußte stets einen  schweren Korb  mit herrlichen Leckereien  und jedes Mal  mit einer Rotweinflasche  Marke Patriarch  mitschleppen.  Günter lag damals   1953/ 1954 in einem Saal  mit 18 Betten (!).  Ein Zeitzeugnis  für diese Nachkriegszeit.  Seine Bettgenossen hatten alle etwas von den Be-suchen von Frau Collin.

 

Wärend Günter Wirth in seinem Atelier in Neapel war, verstarb Violet. Der General wollte es Günter Wirth persönlich mitteilen und der Fahrer fuhr ihn zu der Ruinenwohnung. Er traf aber nur Heinrich Wirth an  und hörte von ihm, daß Günter seit zwei Wochen in Neapel sei,  seine Frau und er beuruhigt seien  und sie nach Neapel fahren wollten,  um ihn zurück zu holen.  Die beiden Offiziee  verstanden sich auf Anhieb  und so bat der General Collin  Heinrich Wirth,  Frederrick mitzunehemen. Er als vielbeschäftigter Diplomat konnte mit seinem nun mutterlosen Sohn nichts anfangen, er stand ihm immer im Wege.  i

Günter Wirth´s Eltern fuhren  mit Frederick also zusammen  nach München   Rom und  Neapel. Clara Wirth  genoß die Fahrt  und vor

allem die Aussicht auf die Bergwelt Österreischs und Tirols.  Sie machte Frederick  des öfteren auf  Sehenswürdigkeiten  aufmeksam und ärgerte sich darüber, aß er keinen Anteil daran nahm und fortwärend in einem Comic las. Sie klagte Günter gegenüber über sein

Desinteresse und er hatte es schwer, seiner weltfremd gewordenen Mutter klar zu nachen, daß Frederick als Sohn eines Diplomaten
in Südamerika bereits weitaus bessere Berge gesehen hatte.  

Günter Wirth  machte  seinen Vater  mit seiner  kleinen Freundin  Ninetta bekannt,  zeigte seinen Eltern  Spaccanapoli  und  Neapels schöne Umgebung.  Er machte sie  mit Lucio Amelio bekannt, den Heinrich für 1955 nach Berlin einlud.  Der Großgrundbestizer,  der Vater von Tuillio Pellone, der im Ökonomen Heinrich Wirth einen willkommenen Gesprächspartner gefunden hatte, fuhr Familie Wirth

zu seinen Ländereien und bewirtete sie köstlich.  

Nach fünf Tagen  war ein erholsamer Badeurlaub angesagt.  Günters Eltern  fuhren mit ihm  und Frederick nach Rimini  an die  Adria. Dort gefiel es Günter bei dem Rummel und den bereits in Deutsch geschriebenen Straßenschildern ganz und garnicht und er vergaß

nach dem Baden im salzhaltigen Wasser das Abduschen und holte sich bei der ungewohnten Sonnenbestrahlung einen unheimlchen

Sonnenbrand.  Zur Abkühlung ging es noch in die nahegelegene Republik San Marino, wo Günter auf dem Postamt eine neu heraus-

gekommene Luftpostbriefmarke zu 500 Lire erstand, die er Jahre später über Ebay für mehrere hundert Mark verkaufte.

 

Dann ging es über Rom zurück nach München,  wo bereits tiefer Schnee lag, und nach Berlin. Frederick wurde  in der Heerstraße ab-

geliefert.  Es hatte sich einiges verändert.  Der Attachée  hatte einen neuen Auftrag und Bestimmungsort erhalten,  die Berliner Haus- einrichtung war eingemottet worden. Frederick war von seinem Vater an eine norwegische Reederei vermittelt worden und mußte den Dienst  als Heizer  auf einem Frachter  beginnen.  Die Beziehung  zu den Collins  hatte ein jähes Ende genommen.  Man sah sich nie mehr wieder.  Günter weiß nicht einmal, wo Violet beerdigt wurde, ob in Berlin oder in ihrer norwegischen Heimat.

 

ENDE  (Abgeschlossen am 20.10.2018)