Günter Wirth
Günter Wirth

1951: Steinsetzerlehre

Für Günter Wirth war das Jahr besonders schwer. Einmal, weil er nach dem Arbeitstag nach hause zum Abendessen gehen und danach umgehend zur Abendschule laufen mußte. Und das in Holzplatinen von Charlottenburg nach Wedding, Gesundbrunnen lau- fen. Bisher hatte er Schuhe der Schuhgröße 38 getragen, von der die Spitzen abgeschnitten wurden, damit seine Quadratlatschen von 45/46 hinein passten. Die S-Bahn fuhr zwischen Beusselstraße und Bahnhfof Wedding noch nicht, den Kanal zwischen Moabit und Wedding mußte man in einem Ruderboot überwinden und dann weiterlaufen bis nach Gesundbrunnen in die Nähe der Bol-holmer Brücke, einer Grenze zwischen Ost  und West. 

 

Die Dozenten der Abendschule waren ebenso übermüdet wie ihre Schüler. Als ein Dozent einmal fest eingeschlafen war, machten sich die Schüler lautlos davon und er mußte in einem  Klassenzimmer übernachten, weil der Hausmeister die Schule bereits abge- schlossen hatte. Er hat es den Jungs nie vergessen.

 

Für Günter Wirth war die Umstellung vom bisherigen Notstandsarbeiter zum Steinsetzerlehrling auch deshalb schwer weil die Gesel-

len ihn nun als Lehrling behandelten. Es war aus mit den Dutzen zwischen Arbeiter und Gesellen. Er mußte eine Stunder früher als die Gesellen in der der Baubude sein, sie sauber machen und  Kaffee kochen. Sie flegten vor Arbeitsbeginn noch ein Stunde Skat zu spielen.

 

Als der Bauleiter Hinkelmann hörte, das Günter Wirth´s Vater von Beruf Ökonom war, stellte er  ihn zu seiner Unterstützung bei Otto Baumann ein. Nun nahmen alle an, Bürste, wie man ihn weiterhin nannte, sei ein Denunziant und würde alle Vorkomnisse auf der  

Baustelle weitertragen, zumal Heinrich Wirth hin und wieder auf den Baustellen zu tun hatte. Im Winter 1952 mußte in Dalem in dem

Hüttenweg über Weihnachen im Eilverfahren ein Parplatz für amerikanische Panzer gebaut werden. Alle mußten dabei ran, so auch Günter Wirth. Am Heiligabend und an jedem Weihnachtsfeiertag, bei Eissturm und bitterer Kälte. Aber auch das nur mit dem geringen Lehrlingslohn. 

 

Am Kurfürstendam wurde die ganze Breite der Gehwege renoviert. Man hatte vor dem Kreg zwischen zwei Mosaiksteinsorten unter- unterschieden, den gewöhnlichen Bernburger Kalksandsteinen und den schwarzen Basaltsteinen. Letztere wurden zum Einfassen der ausgelegten Grantplatten der Gehwege und für irgewelche Verzierungen in den Bürgersteigen benutzt. Jetzt nach dem Krieg hatte man dafür keine Zeit mehr zwischen beiden Sorten zu unterscheiden. Man flasterte drauf los, wie man sie aufgenommen hatte, wild durcheinander. Es war auch besser so, denn bei Regenwetter wurde der Basalt fürchterlich glatt. Das sah zwar nicht schön aus, war aber rutschfest und sicherer.

 

Mosaikflastern geschieht so, daß die Steinsetzer in einer Reihe nebeneinader knien und mit der linken Hand seitlich nach hinter lan-gen, einen Stein fassen und ihn passgerecht einfügen und ihn  mit dem Steinsetzterhammer in der rechten Hand in den feuchten Sand oder Kies schlagen. Der Steinsetzerhammer wiegt etwa 2 Kilogramm und an einem Ende ist er wie ein gewöhnlier Hammer ausgebildet, am anderen Ende mit einer Sptze zum Lockern des Planums und Ausheben des Loches für den zu setzenden Stein.

Ein Steinsetzer braucht noch weitere Hammer, einen 2,5 Kilogramm schweren für die Großbausteine, einen Gummihammer für die empfindlichen Kunststeinplatten und so fort.

 

Günter Wirth lernte beim Wiederherstellen einer großen Mosaikfläche einen Steinsetzer kennen, den keiner seiner Kollegen mochte und mit dem niemand etwas zu tun haben wpllte. Er unterhielt sich beim nebeneinander Knien mit ihm und arbeitete in der Folge mit

ihm weiter zusammen. Er stammte aus einer sehr berüchtigten Gegend, Ackerstraße, Wiesenstraße, Söldinerstraße, Gartenstraße, in die sich nicht einmal die Sturmabteiliungen der SA gewagt hatten weil es da oft Nachttöpfe mit Urin und kot auf sie geregnet hat.

 

Günter hatte zwar davond gehört, kannte den Kiez aber noch nicht. Sie hatten sich in der Zeit angefreundet und so nahm ihn der Kol-

lege nach Arbeitsende mit in seinen Kiez und sagte zu ihm, daß wenn ihn jemand schief angucken oder ihm zu Nahe treten sollte, so brauche er nur zu sagen "Es grüßt aus der Destille Zille". Und alles wäre in Ordnung. Mein Kollege war hier allen bekannt und hatte das sagen. Aber Bürste sah niemand schief an. Als Eingeführter wurde er von allen respektiert und war in der Unterwelt angekommn- Einmal hörte er wie unter einigen der Unterweltlern Aufgaben verteilt wurden, welche Hauskeller demnächst ihrer Stromleitungen be-

freit werden sollten. Kupfer war eine begehrter Artikel, der viel einbrachte. Und wenn einige der Häuser für einige Zeit ohne Licht und

Strom wären, sei es nicht so schlimm, denn das passiere ja öfters und Kerzen gäbe es ja auch noch..

 

Die freundlichen Engländer spendeten dem baumlosen Wedding und Gesundbrunnen mehrere Tausend Bäume und nun mußten dafür Baumkränze gemacht werden. Die Ausschreibung erhielt die Firma Otto Baumann. Da es keine einzelne Baustelle war, son- dern ein ganzes Gebiet umfaßte, konnte Hinkelmann keine Kolonne einsetzen.Er nahm den ältesten und größten Lehrling, den man für einen Junggesellen halten könnte und beauftragte ihn diese Sache zu übernehmen. Bürste sagte zu und ging als Geselle aber mit dem Gehalt eines Lehrlings an die Arbeit. Man stellte ihm eine mit Material und Werkzeugen gefüllte Schubkarre zur Verfügung und

gab ihm einen 16jährigen Lehrling als Hilfskraft mit. Auf einer Gebietskarte zeichnete man alle paar Meter die Stellen der geplanten

Baumkräne ein.

 

Dann ging es los. Für 3 bis 4 Monate für Günter Wirth eine ruhige und schöne Zeit. Zuerst in die Ackerstraße und zur sogenannten Schrippenkirche, einer seit mehr als 130 Jahre in Berlin sozial tätigen Institution in der Ackerstraße 52 mit einer Wohnstätte 136/137

für Erwachsene mit Behinderung. Morgens gab es dort 1 Tasse Kaffee mit 2 Schrippen. Sollte das zu ihrem Namen geführt haben ?

 

Dann ging es weiter zu der auf dem Stadtplan markierten Baustelle. Nach dem der Baumkranz ausgemessen und geflastert war, kam die  Ausbesserung des Mosaikflasters dran. Als die Jungen den Plan vorbereitet hatten und sich nebeneinander Hingekniet hatten, kam aus einem Haus eine Dame um die Luft zu prüfen, stellte sich breitbeinig vor ihnen hin, öffnete ihren Pelzmantel und schlug ihn auf. Sie war darunter wie Gott sie geschaffen hatte, nackt.

 

Drei Monate ging es so weier, Tag für Tag, Weiterrücken für den nächsten Baumkranz. Hinkelmann kam hin und wieder vorbei. Dann war die Arbeit getan und es ging zurück zur Firma. Nun kam der Tag der Gesellenprüfung, Günter Wirth hatte auf der Berufsschule eine EINS bekommen, aber praktisch zu wenig Erfahrung und es sah wenig gut aus. Kurz vor Abnahme der Prüfung stellt man fest, daß er noch nie einen schweren und langen Granitbordstein mit der Brechstange in die Betonbettung gewuchtet hatte und holte das

zu machen eiligst nach. Mit Ach und Krach schaffte er es dann doch und erhielt ein  ´Befriedigend´.