Günter Wirth
Günter Wirth

1950:  Abitur und danach***

Kurz vor der Abiturprofung bekam die Friesen-Oberrealschule Verstärkung von Schülern und Schülerinnen der Schiller-Schule, deren

Abitur fragich war. Die Schiller-Schüler waren aber allsamt in Englisch bei weitem besser als die Friesen-Schüler. Am Abiturtag las Dr. Petersen  den Schülern  einen englischen Text vor,  den sie sodann  nacherzählen sollten.  Die Schüler sperrten  Mund und Nase auf und hatten nichts verstsanden. Nun erzähte er ihnen den Text in Deutsch, was aber auch nicht viel half.  So stellte er den Besten zum Aufpassen vor die Tür  und diktierte den  Schülern einen  englischen Text vor  und bat  sie ihn abzuwandeln . In den anderen Fächern klappte es besser dank der anderen vorzüglichen Lehrer.  Als die Abiturzeugnsse ausgeteilt wuden,  hat Günter Wirth  im Fach Mathe

eine Note ´3´, wo er doch sonst bei ´1´und ´2´stand. Er ging zu Dr.Friese, seinem Klassenlehrer und beschwerte sich bei ihm. Dr.Frie-

se erklärte es ihm folgender Maßen, eine Note ´1´hätte ihm auch zu keiner `2`auf dem Abizeugnis gereicht,  so hätte man sich auf die

´3´ geeignet und einem schlecher dastehenden Schüler die ´2´gegeben. Das war Schulpolitik im Jahr 1950 !  Die Noten mußten in ei-

nen gewissen Verhältnis zu einander bestehen.

 

Das war für Günter Wirth  sehr schlimm. Mit einer ´3´ auf dem Zeugnis  bekam  er nicht einmal eine  Ausbildung beim Schümacher in der Mindener Strae, der mit einem Fensteranschlag einen Lehrling mit mindestens einer ´2´ suchte.

 

Das Abiturzeugnis bekamen die Schüler 1950 alle  bis auf einen von ihnen,  dem Ältesten.  Der war aber auch ein Sonderfall.  Günter Wirth hatte in der Oberprima neben ihm,  Lutz Köng,  gesessen  und ihm viel geholfen. Als Ali, Dr.Hintze, ihn einmal auffordete, seine Hosentaschen zu lehren,  kamen Gummis,  Schlagring,  Taschenmesser,  Zigaretten und anderes auf den Tisch.  Nach dem nicht be- bestandenen Abitur ging er zur Schwarzen Garde, der US Hiwi-Truppe.Sie trugen schwarz gefärbte amerikanische Uniformen, hatten verschiedene Ränge  und Rangabzeichen  und waren zum Teil kaserniert.  Als er auf dem Flugplatz Tempelhof  mit seinem Jeep eine Dakota rammte, fflog er raus. Nach Günter´s Abitur  haben  Lutz und Günter  viel zusammen unternommen,  waren ständige Gäste in der Badewanne  und besuchten auch das Weltjugendtreffen der FDJ.  Er  mit seiner schwarzen amerikanischen Uniform  und  Günter Wirth in  Belgischer Offiziersuniform  ohne Abzeichen,  er hatte ja noch  keinen Anzug  zum Anziehen, wurden sie als  westliche Aus- länder angesehen, waren eine Attraktion auf dem Treffen, wurden ständig umringt und mußten Autogramme verteilen.

 

Günter Wirth  schrieb etwa 50 Bewerbungen an alle Industrieunternehmen,  Banken,  Bezirksverwaltungen usw. und bekam drei oder vier Einladungen zu Aufahmeprüfungen. Aber alle schlugen fehl, denn mit einer ´Drei ´auf dem Abi-Zeugnis in Mathematik war nichts

zu machen. 

 

Nun hin  zum Arbeitsamt:  Ein Abiturient  hat noch nie gearbeitet,  ist also  kein Arbeitsloser.  Kann also  nicht vermittelt werden.  Zum Glück fand er  in der Berliner Morgenpost  eine Anzeige,  daß man Arbeiter  für das Ausheben von tiefen Gruben  für die Fundamente von  zu bauenden Ausstellungshallen am Messegelände sucht.  Er bewarb sich  und wurde angenommen.  Nach vierzehn Tagen war die Arbeit getan, er bekam seinen Lohn und kaufte sich ein blaues Lumberjak, hellgraue Hose und Ringelsöckchen.

 

Nun war  Günter Wirth froh, endlich  ein Arbeitsloser zu sein  und zum Arbeitslosenamt gehen zu können.  Das Arbeitsamt vermittelte ihm eine Stelle  als Notstandsarbeiter  bei einer Weddinger Straßenbauifirma  Otto Baumann  in der Exerzierstraße, Wedding. Auf ca.

hundert Notstandsarbeiter  kam damals ein Geselle oder Polier,  der sich alles In die Hand geben ließ. Die übrigen Arbeiter  bekamen an der Baubude  Schippe oder Axt ausgehändigt und stellten sich ohne eine Beschäftigung zu erhalten, ´Gewehr bei Fuß´ 

 

Er.war jung und unverbraucht und durfte arbeiten.auf. Wegen seines  derzeitigen Haarschnitts bekam er von den Polieren und Gesel-len den Spitznahmen "Bürste".

 

.ENDE.