Günter Wirth
Günter Wirth

1948: Sibirien

Günter Wirth hatte eine Freundin Gisela Rädicke, die im vierten Stock eines Eckhauses gegenüber dem Sc unhulhofausgang wohnte. Er war fast täglich bei ihr zum Helfen bei ihen Schularbeiten. Wenn Günter nach der sechsten Stunde aus dem Schulhoftor kam und nach Hause ging, stand sie oft auf dem Balkon und winkte ihm zu. Ihre Mutter bekam wegen drei Kindern Care Pakete und es ging ihnen verhaltnismäßig gut. Als Günter eines Nachmittags nach Hause ging, drückte Frau Rädicke ihm einen alten Brotkanten in die Hand. Günter Wirth ging im Treppenhaus ein Stock tiefer und blieb am Flurfenster stehen und verschlang den Kanten, solchen gros- sen Hunger hatte er. Vor Rührung heulte er. Die Familie Rädicke hatte den selben Hausarzt wie Günter Wirth. Eines Nachts traf der Arzt mit seinem Auto Günter Wirth auf der Straße und lud ihn zum Mitfahren ein. Sie unterhielten sich lange. Der Arzt erzählte von ei-

nigen Fällen, die ein unglaublich gutes Ende nahmen. Dann kam er auf einen Kollegen zu sprechen, der von den Sowjets zu einem Besuch in Sibirien eingeladen worden war. Der war begeistert, machte seine Praxis zu, nahm seine Sachen und siedelte nach Sibi-

rien um. Einen weiteren Kollegen hat er ebenfalls dazu überzeugt. Nun war unser gemeinsamer Hausarzt am Überlegen es auch zu machen. Er tat es.

 

Als 1960 Günter Wirth an der PH sein Examen als Gewerbeoberlehrer gemacht hatte traf er einen HJ-Kameraden wieder, der als Spätheimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft aus Sibirien entlassen worden war und nun an der PH ein Grundschulpädagogik- Studium begonnen hatte. Der Kamerad Volker war 1942 bereits in der HJ als Günter Wirth noch ein Pimpf im DJV war. Er wohnte in der Kaminerstraße  und war 5 oder 6 Jahre älter als Günter Wirth. Volker war ein Strahlemann, blond, blauäugig, ein Urbild eines HJ-Jungen. Er hatte bereits das Priviled die Fahne des Banns 198 zu tragen. Als die Sowjets Charlottenburg besetzt hatten, denunzierte ihn ein Hausbewohner bei den Sowjets als Nazi. Er wurde abgeholt und kam nach Sibirien in ein Sammellager. Von dort wurde er an ein kleines Sibirisches Dorf als Hilfskraft versetzt. Er war ein pfiffiger und aufgewachter Kerl, packte überall mit an, orga-nisierte und brachte das ganze Dorf auf Vordermann. Sehr bald war er nach dem Bürgermeiter, dem Apotheker und dem Lehrer die wichtigste Person des Dorfes. Er wurde anerkannt und wurde einer der ihren, er schaffte sich viel an, denn an eine Heimkehr in  die Heimat war nicht zu denken. Erst als Adenauer eine Entlassung der Deutschen Kriegsgefangenen ausgehandelt hatte, mußte nun

auch Volker Sibirien verlassen. Er durfte aber nur einen Koffer mitnehmen. 

 

Zurück in Berlin stand er da, ohne Abitur  und ohne Ausbildung.  Er machte ein Notabitur  und meldete sich  an der PH Abteilung 1 für Grundschullehrer an. Nach dem Examen  kam er  an eine Grundschule  und unterrichtete  ein Jahr lang.  Dann starb er,  nach der  so

beschaulichen Ruhe  in Sibirien hatte er  den Stress an der Berliner Schule  nicht ertragen.

 

ENDE