Günter Wirth
Günter Wirth

1946: Gottfried-Keller-Gymnasium*** 

Friesen-Oberrealschule (späteres Gottfried-Keller-Gymnasium) 

Günter Wirth meldete sich in seiner alten Friesen-Oberreal-Schule an und obwohl er zwei Jahre ohne Schuluntericht gewesen war, in der seinem Alter entsprechenden Klasse, wo er aber keinen seiner ehemaligen Klassenkameraden mehr vorfand. Es waren nur wenige Schüler und kamen aus einer Schule, die bereis ein Jahr Lateinunterricht gehabt hatte. Für ihn war es unmöglich, Fuß zu Fassen. Zum Glück ergab sich nach einem halben Jahr die Gelegenheit zu einem Wechsel von Latein zu Russisch und nach dem Austausch der Beatzungsmächte zu Englisch. 

 

Der Schulleiter war ein Monsieur Violett, ein aus einem KZ befreiter Franzose, wahrscheinlich ein Jude, aber das ist nicht relevant. Ständig beschimpfte er die Schüler und warf mit Kreidestücken nach ihnen. Des öfteren lief er aus dem Klassenzimmer und kam darauf wie umgewandelt und mit blutigem Einstich am Nacken zurück. Dann war er die Freundlichkeit selbst. Die Klasse hatte ein halbes Jahr Französisch und die Schüler konnten danach wenigsten französisch lesen und aussprechen, verstanden aber hatten sie wenig oder nichts.

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Der Englischlehrer, Herr Engler, war fast taub. Aus Mangel an Schulbüchern las man Charles Dickens, also kein normales Englisch. Gespochen wurde nie. Wurde man zum Vorlesen aufgerufen, stand man auf, bewegte den Mund und bekan ein "gut"  in seinem Notizbuch. Wenn er in der großen Pause Hofaufsicht hatte, machten sich Ober- und Unterprimaner den Spaß, ihm Zigarettenkippen vor die Füße zu werfen. Er hob sie sorältig auf und steckte sich die Kippen in seine rechte Manteltasche. Zigaretten waren eine Kostbarkeit und nur im Schwarzmarkthandel kam man an sie ran. Die Otto-Normalbürger zerrieben altes Stauchwerk,  Rosen z.B. oder ähnliches und drehten sich aus den Krümeln Zigaretten. Seinen Sohn hat Güter Wirth 1959 auf der Pädagogischen Hochschule wieder getroffen, als er dort sein Studium begann und Günter Wirth bei seinem Examen als Oberstudienrat war.

 

Der Sportlehrer war ein Feldwebel der ehemaligen Wehrmacht und kein Parteigenosse gewesen. Er war ein wahrhaftiger Schinder.  Er drangsalierte die Schüler wo er nur konnte. Wenn am Reck eine Kniewelle zu machen war und man nicht rumkam, drückte er den rechten Unterschenkel so weit, daß mann einen Schrei nicht unterdrücken konnte. Auf dem Sportplatz hinter dem Schulgebäude gab es keinen Rasen, sondern er war nur mit Schotter befestigt. Günter Wirth  kannte ihn noch zu gut, hatte er doch als Pimpf des DJ 

sein Erfahrungen beim Auf und Nieder des Fähnlein14 mit ihm gemacht. Aber auch jetzt spielten die Schüler den Rabaukensport Fußball nicht, sondern Handball. Günter Wirth immer Rechts-Außen. Da er öfters umkippte wurde er dem Sportarzt  vorgeführt. Er hatte zwar wegen seines starken Knochenbaus normales Körpergewicht, war aber total unterernährt und zu schwach. Er war sportunfähig und wurde von Sportunterricht befreit.

 

In der großen Pause gab es Schulspeisung. In mitgebrachten Konservendosen wurde aus dem angelieferten Kübel ein Schlag abgefüllt. Wenn es mal Kakao gab, war es immer ein Highlight. 

 

Die Friesen-Oberrealschule wurde in Gottfried-Keller-Schule umbenannte. Die Aula wurde ein Kino, der Schuleingang der Kinoeingang, Günter Wirths ehemaliger Klassenraum, wo er französich lernen sollte, wurde zur Kinokasse. Seine Eltern gingen mit ihm oft ins Kino, schon um der Kälte und Unbequemlichkeit der Wohnung zu entrinnen und sich bei der Heilen Welt der meist in Italien spielenden Filme zu erholen.

 

Mit 14 mußte Günter Wirth nun zum Konfirmantenunterricht ins Gemeindehaus der Gustav-Adolf-Kirche. Jeder Schüler mußte eine Presskohle für den Kanonenofen mitbringen. Zur Konfirmation selbst hatte seine Mutter ihm den offenen Kragen eines Bleyle Pullovers so umgeplettet daß  er wie ein Jaketausschnitt aussah, denn einen Anzug hatte er nicht. Das schlimmste war aber, daß er einen Hut aufsetzten mußte, den er aber wenn es ging, in der Hand behielt. Bis heute hat er nie einen Hut getragen bis auf die Zeit in Texas, wo er sich einen in Mexico gekauften Cowboy Hut gerne aufsetzte. Heute mit 85 und im Rollstuhl geschoben werden, stülpt ihm seine Frau Ingrid bei Wind und Kälte immer eine Wollmütze über den Schädel, was er für komisch hält und eigentlich nicht gerne

mag.

 

ENDE