Günter Wirth
Günter Wirth

1945: Orient & Occident***

Was Günter Wirth 1960 noch nicht wußte, sollte er bei seinem ersten Besuch Neapels 1954 erfahren. Als er deutsche Markscheine in

italienische Lire tauschen wollte und in die Banca di Sicilia ging. An den Schaltern mußte er in der  Menschenmenge warten und beobachtete wie sich hinten Wartende nach vorne Stehenden Geldbündel zuwarfen, die sie ihren Hosentaschen entnahmen. Portemonnaise´s  oder Geldtaschen gab es wohl nicht. Seltsam wie man mit Geld umging!

 

Dann sah er an der Wand eine Währungstabelle hängen. Da gab es zu seinem Erstaunen für Deutschland zwei Einträge, eine für Gerrmania Orientale, die andere für Germania Occidentale. Aber was war das? Danach war die Ostmark doppelt so viel Wert wie die Westmark. Draußen in der prallen Sonne, die Asphaltdecke der Fahrbahn war durch die Hitze und Strahleneinwirkung zu einem Brei geworden, überlegte er und dann kam ihm die Erleuchtung. Ost- und Westmark waren international nicht konventierbar, man konne sie auf keiner Bank kaufen oder tauschen. Der internationale Warenaustausch erfolgte über Verrechnungseinheiten und da war der Dollar nur halb so viel wert wie der Rubel.

 

Da die Ostmark an den Rubel und die Westmark an den Dollar gekoppelt war, der internationale Warenaustausch aber über Verrechnungseinheiten erfolgte und der Rubel doppelt soviel Wert hatte wie der Dollar, beide Währungen nicht konventierbar waren, kam so  das Gefälle 1:2 zu stande.

 

Nun war Günter Wirth auch klar, wieso eine französiche Schallplatte, die in Ostberlin im HO-Laden am Alex etwas über 5,00 Ostmark kostete, die gleiche Platte aber im Westberliner Geschäft nur für 15,50 Westmark zu kaufen war.

 

15,50 Westmark waren nach dem illegalen Wechselstubenpreis 1:4 ca. 3,87  Ostmark!  Das war ein gewaltiger Unterschied. Das gleiche galt auch für die in Leipzig gedruckte Bücher, Osteuropäische Keramiken und französische Parfüms. Viele der Bücher im Westen wurden in Leipzig gedruckt und hatten denselben Preis  50,00 Ost bzw. 50,00 West, so etwa Hamanns Kunstgeschichte. Ja sogar westdeutsche Schulbücher kamen aus Leipzig !

 

Günter Wirth  hatte im Buchladen des Bahnhofes Friedrichstraße den Verkäufer kennen gelernt. Er wohnte in Potsdam und bekam keine Zuzugsgenehmigung nach Ostberlin. Als ein Kunde eine Buch von Dürer verlangte, sagte der Verkäufer, nehmen sie doch dieses  und reichte ihm ein Westbuch. Das geschah noch öfters und ich dache, das kann doch auf die Dauer nicht gut gehen.

 

Eines Tages war der Verkäufer auch nicht mehr da. Ich dachte, er sitzt jetzt  im Geängnis. Nichts vonwegen. Man hatte ihn nur Versetzt in das große und schöne Buch & Schallplattengeschäft im HO-Kaufhaus am Alexander Platz. Aber dort trieb er es genauso. Ein neben mir stehender Kunde wollte eine bestimmte Platte. "Ham wa nich", war die Antwort. Aber die gleiche Platte holte er ein weng später unter dem Ladentisch hervor und überreichte sie einem anderen Kunden.  

 

Eine ganz Weile ging es so. Dann wurde er wieder versetzt, jetzt in die Friedrichstraße direckt .gegenüber dem gleichnamigen U- Bahnhofeingang auf dem Mittelstreifen der Friedrichstraße. Die ganze Gegend war ein einziger Trümmerhaufen. Der Laden war in einem Eckgebäude und darüber fast eine Ruine.

Als Günter Wirth den Laden betrat traute er seinen Augen nicht, da saßen in zwei Ledersesseln der Eingangstür gegenüber sein Be-

kanter und neben ihm eine Dame, die Verkaufsstellenleiterin des HO-Geschäftes. Der Laden war leer. Sie langweilten sich.

 

Aber das änderte sich schnell. Günter Wirth´s Bekanter hatte viele Kunden noch von der Friedrichstraße her, natürlich Westberliner, die seine Umzüge mitgemacht hatten und nun blühte das Geschäft auf. Gegenüber des Ladens waren die Trümmer weggeräumt und eine bescheidene Ladenzeile von Holzbuden war entstanden  Unter ihner ein Bulgarischer HO- Laden  Günter Wirth entdekte ein 15teiliges Kaffeeservice für 10,00 Ostmark und ein Schnaps- oder Likörservice für 10,40 Mark. Er bat seinen Bekannten, ihm beides zu kaufen. Er aber sagte "Geh doch selbst" und gab Günter Wirth seinen Personalausweis. Er tat es und kaufte beides für 20,40 Mark, das waren also etwas mehr als 5,00 Westmark. Alle Artikel hatten das Pfauenaugen-Design. Man mußte damals bei jedem Kauf in einem Ostberliner Geschäft seinen Personalausweis vorzeigen. Ein Westberliner hätte ja nur illegal erworbenes Ostgeld gehabt. Aber viele Verkäufer sahen nicht genau hin, es war ihnen egal.

 

ENDE