Günter Wirth
Günter Wirth

1945: Mindener Straße 22***

 

Da das Haus ja ein Eckhaus war, Tauroggener Str 40 / Mindener St. 22, wurden den fünf Personen zuerst im ersten Stock Mindener Str. 22 ein Wohnraum zugewiesen, ein sogenanntes Berliner Zimmer, ein Durchgangszimmer, ein Wohnraum, der das Vorderhaus mit dem Seitenflügel eines Gebäudes verbindet. Das Zimmer hatte drei Fenster, alle waren mit Holzbrettern vernagelt. Es schien kein Licht mehr hinduch. Da die normale Lichtleitung und auch der Kachelofen zerschossen waren, gab es nun weder Licht noch Wärme.

 

Wenn man ein Fenster aufstieß blickte man auf auf die Trümmer des gesammten Wohnblocks gegenüber. Dort beobachete Günter Wirth einmal einen über die Trümmerberge des gegenüber liegenden Eckhauses rennenden Sowjetsoldaten, der von zwei britischen Militärpolizisten verfolgt wurde. Sie ergrffen ihn und schmissen ihn in ihren offenen Jeep.

 

Günter Wirth fror jämmerlich und bekam an Händen und Füßen fürchterlich juckende Frostbeulen, die besonders im warmen Bett schmerzten und einem aus dem Bett in die kalte Küche trieb. Aber auch das gab wenig Linderung. Medikamente gab es nicht. Eine Linderung bot allein das Raufpissen. Zwichen der großen Küche und dem ebenso langen Flur war die gesamte Zwischenwand durch den Luftdruck der explodierenden Luftmine eingestürzt. Nun war es dort wenn auch kalt, so doch hell.

 

Zu Fünft hatten sie nun wenigstens ein Dach über dem Kopf. Sie fanden zwei Ehebetten und eine Couch, die bekam die Großmutter, ein Ehebett Vater mit Mutter, das zweite Ehebett Herta (35) mit GünterWirth (13). Eine Küche oder Toilette gab es nicht. Die Küche hatte nur noch die Hauswand, die zum langen Flur hin war als Trümmerhaufen weggeräumt worden und zum Flur hin offen. Die Küche mußten sie sich nun mit der Frau der Wohnung teilen

 

Günter Wirth meldete sich wieder in seiner alten Friedrich-Oberrealschule an, die jetzt in Gottfried-Keller-Gymnasium umbenannt wurde. Frech genug wollte er seinem Jahrgang gemäß in die alte Klasse zurück, obwohl er zwei Jahre lang keinen Schulunterricht mehr gehabt hatte. Er fand aber keinen seiner alten Klassenkameraden wieder. Später kam wenigstens sein ehemaliger Freund und

Klassenkamerad Manfred Thiele von 1942 hinzu, der nicht mit den Evakuierten nach Ostpreußen mitgezogen war, sondern zu seinen Großeltern in Sachsen gefahren war und dort auch zur Schule ging. Unsere Wege hatten sich also getrennt. Das Haus seiner Eltern hatte die Bombennächte überlebt  Nun fand er nach Berlin und zu seiner alten Friesenschule zuück. Sein Haus in der Kamminer Straße lag genau der Schule gegenüber. Morgens ging Günter Wirth Minuten vorher in die Wohnung zu den Thieles und die Jungs liefen erst zum Stundenklingeln zur Schule rüber. Trotzden kamen sie oft zu spät. 

 

Manfred Thiele wollte Chemiker werden und da sich Günter Wirth auch für Chemie interessierte meldeten sich beide Jungs über die Volkshochschule bei einem Dozenten für Organische Chemie in dessen Labor in der Kaiser-Friedrich-Straße an. Zu Hause hatten sie ebenfalls Chemikalien zusammengetragen, die man damals noch in jeder Drogerie frei kaufen konnte. Unsere Drogerie Mindener- Ecke Kamminer Straße war dafür eine echte Fundgrube. Wir räumten sie fast leer. Chemiegeräte fanden wir bei unseren Streifzügen in einer Ruine in Berlin-Mitte. Auf dem noch immer vom Krieg her freigeräumten  Dachboden in der Mindener Straße bauten wir unser

privates Labor auf und destillierten mit Bleiacetat und Schwefelsäure einen fast 80 %igen Eisessig, den wir dann mit Wasser zu Essig mit 5 % verdünnten, in Flaschen abfüllten und auf dem Schwarzen Markt verkauften. Tage später erkundigten wir uns dann bei den Käufern, ob sie überlebt hatten.

 

Wenig später zog die Famile Wirth mit Herta Hoppe in den vierten Stock um, zu der Familie Schneider. Am Ende des ellenlangen Korridors trennte nur eine 6 cm Starke Wand die Wohnung Mindener Str. 22 von der alten Wohnung Tauroggener Str. 40. Heinrich Wirth schlug ein Loch durch die Wand und setzte eine einfache Zimmertür ein. Man konnte nun die alte Wohung betreten und sehen  

was noch stehen geblieben war. Da war noch das Erkerzimmer als Schlafzimmer von Heinrich und Clara Wirth, das gemeinsame Balkonzimmer, das Wohn-Schlaf-Zimmer der Großeltern, des verstorbenen Kunsttischlers Carl Ölberg mit allen seinen gedrechselten alten Möbeln und seiner Frau Luise Ölberg, die Mädchenkammer (altes Kanarienvogelzimmer), das Toiletten- und Badezimmer mit Ofen, Boiler und Badewanne, sowie ein riesiges Loch mit Blick auf den bis zum zweiten Stock raufreichenden Trümmerhaufen. Vom Wohnungseingang und der Treppe keine Spur mehr. Vom Trümmerberg aus konnte man den Küchentisch und die drüber hängende Wanduhr und die offen stehende Speisekammertür mit den gefüllten Einmachgläsern sehen, alles nun unzugänglich. 

 

Heinrich Wirth als Geometer machte dem Bauamt Vorschläge zur Bewohnbarkeit der Ruine und alle Zeichnngen und Berechnungen dafür. Auf die tragenden von Brandmauer zu Brandmauer verlaufenden Querbalken sollten der Flur durch eine 5 cm Steinwand mit einem kleinen Fenster für Luft und Licht abgeschlossen werden. Das Badezimmer könnte ebenfalls auf einem Querbalken eine

Rabitzwand aus Leisten und mit Glaswolle gefüllten Netzen erhalten und wäre dann zu einer Hälfte geteilt. Die Wand würde dann bis an die seitline Rückwand der Speisekammer reichen. Ofen und Badewanne wären dann außerhalb der Wohnung. Stehen bliebe dann nur das Klosettbecken am Fenster und die seitliche Trennwand zur Mädchenkammer. 

 

Nach der Genehmigung der Baupläne von Heinrich Wirth wurde umgehend mit den Baumaßnahmen begonnnen und nach ihrer Fertigstellung konnte die Familie einziehen. Alles war schön und gut, aber die Glaswolle fand man überall, nicht nur in den Kleidern.

 

Sie zogen also um. Von der Mindener Straße in die Tauroggener Straße, mußten nun aber den ebenso langen Flur im dritten Stock der fremden Familie durchqueren und das bei völliger Dunkelheit, denn am ehemaligen Flurende der fremden Wohnung gab es keinen Schalter. Man gewöhnte sich daran, mußte nun aber Besucher vor sich herschieben.

 

Seinen neapolitanischen Freund Lucio Amelio, den er in der Uni Neapel bei Corda Fratres1954  kennen gelernt und für 1955 nach Berlin eingeladen hatte, hat dann für ein oder zwei Wochen in einem wegen Einsturzgefahr leergräumten Nebenzimmer geschlafen, bis er ihm über die Tusma eine Unterkunft und Arbeit bei Henselmann, dem Erbauer der Stalinalle besorgt hatte. 

 

ENDE