Günter Wirth
Günter Wirth

Mit dem Übergang  zur höheren Schule  erfolgte  auch die Eingliederung  in das Deutsche Jungvolk. Eine Wahl hatte man nicht. Man

wurde gemäß des Kietz des Wohnortes  einer Einheit zugeteilt.  Günter Wirth im Jungstamm 3 (Großberlin),  aufgenähte 3  am Ober-

arm des Uniformhemdes, kam in den Jungbann 198 (kenntlich mit 198 auf der Schulterklappe)  und dem Fähnlein 14, auf dem Knopf

des Schulterstücks zu lesen. 

 

Vorgesehen war allgemein ein zweimaliger Dienst pro Woche. Als Günter Wirth (10) einmal nicht pünktlich zum Dienst erschien, kam sein Jungschaftsführer Zerbel (13) ihn abzuholen  und als Heinrich Wirth ihm auf sein Klingeln an der Wohnungstür öffnete,  erschrak Zerbel vor der Uniform und Orden des Vaters.

 

Der Dienst sah  Exerzieren und Marschieren auf dem Sportplatz hinter der Friesen-Oberrealschule vor. Wenn zufällig BDM-Mädchen in der Nähe waren,  schmissen sich die Jungen besoners mutig in den Dreck oder die Pfützen des Schotterbodens.  Zuhause gab es dann wegen dem schmutzigen oder zerrissenen Uniformhemd Ärger mit der Mutter. Im Jugendheim des Fähnlein 14 am linken Rand des Sportplatzun noch vor den Schrebergärten wurde gesungen,  unterrichtet und über Kriegserfolge deskutiert.  Von Antisemitismus

Judenverfolgung und Konzentrationslagern hörten die Pimpfe nichts. Es gab ja auch 1940 keine Juden mehr.

 

Besonders beliebt waren bei den Pimpfen  die Gedändespiele in der Jungernheide.  Dazu marschierten sie   die Osnabrücker Straße entlang,  vorbei an den vor den S-Bahn liegenden Gleisen und den Schrebergärten.  Dann ging es am Tegeler Weg  unter der Unter-

führung des S-Bahnhofs Jundfernheide  hindurch, überquerten einen für einen geplanten Kanal  ausgehobenen breiten Sandstreifen, und über ein Kopfsteniflaster hinweg an einem Fabrikgebäude (heute Krankenhaus Jundfernheide) vorbei  in Richtung auf den Wald.

 

Am Tegeler Weg  in Richtung Siemensstadt  waren  mehrere  viergeschossige Wohnhäuser  von den deutschen Bewohnern  frei ge- macht und französichen Femdarbeiter-Familien zur Verfügung gestellt worden. Die Fenster standen immer offen und fremdländische

Musik schallte heraus. Das Leben der Franzosen  spielte sich meistens im Garten oder vor den Häusern ab. Den deutschen Kindern und Jugendlichen war das exotisch und sie sahen oft dem Treiben zu.

 

Die heutige Autobahn  und die Gebäude von Charlottenburg-Nord  gab es noch nicht.  Das jetzt  an der Autobahn  in Richtung Tegel stehende Denkmal  des im Duell  getöteten  Generalpolizeidirektor  Karl Ludwig Friedrich von Hinkeldey (1805-1856)  unter Friedrich Wilhelm IV., stand 1948  noch mitten im Wald,  von Häusern  war weit und breit noch nichs zu sehen.

 

Im Wald angekommen, wurde das Fähnlein 14 wenn es es nicht gegen ein anderes Fähnlein kämpfen mußte,  in zwei Mannschaften aufgeteilt.  Zur Unterscheidung  der beiden Gruppen  bekamen  sie  rote und  blaue Bindfäden  um den rechten Oberarm  über ihrem Uniformhemd gebunden.  Wurde dieser vom Gegner abgerissen, war man tot. Günter Wirth starb nie, weil der Gegner an den Faden unter dem  aufgekrempeltem Ärmel nicht ran kam. Die eine Gruppe mußte eine Aktentasche im Gelände verstecken und verteidigen, die andere Gruppe sie aufspüren und erobern.

 

Wurde ein Geländespiel  in der Stadt veranstaltet,  ein Spion aufgespürt  und gefangen genommen werden.   Mußten die Jungen die Straßenbahn stoppen und die Wagen durchsuchen.  Man kann sich die Verwunderung der Fahrgäste vorstellen, wenn einem älteren

Herren d nahe der Kamminer Sra der Mantel ausgezogen wurde und ein HJ-Junge zum Vorschein kam.

 

1942 kam es mehr und mehr  zu Tagesangriffen  der Engländer.  Sie kamen zu erst mit Pfadfindern  und markierten  die zu Bombar-dierenden Gebiete   mit Weihnachtsmäumen.  Dann kamen die  Lancaster  und Manchester,   die erst   Phosphor-Stabbrandbomben regnen ließen   und danach  zum  besseren Brennen  die Sprengbomben warfen.  Nun wurden Pimpfe und Hitlerjungen an Phosphor und Stabbrandbomben geschult und den Brandschutzleuten, meistens den Hausmeistern, zur Hilfe zugeteilt.

 

An der Osnabrücker Straße nahe der Kamminer Straße und Günter Wirths Friesenschule gab es einen Volksauflauf, als zwei vierge-

schossiege Vorderhäuser getroffen wurden   und bis zu Kellern abbrannten. Das war für die umliegenden Bewohner  eine Sensation. 

Abgebrannte Häuser hatten sie bisher noch nicht gesehen.

 

Danach  wurden nun auch Pimpfe  an Stabbrandbomben  und zur  Bekämpfung von Phosphor  ausgebildet    und  den Brandschutz-  

warten als Hilfe  zugeteilt. An allen Hausbodenfenstern standen   bereits  mit Wasser gefüllte Eimer und mit Sand gefüllte Säcke und

Tüten, die täglich geprüft und gegebenenfalls nachgefüllt werden  mußten.

 

Im Wald war der Eingang zum Volkspark Jungfernheide. Den pompösen von  Maurerlehrlingen gebauten Eingang gab es noch nicht.

Dem Eingang   gegenüber sollten die ersten Häuser  gebaut werden.  Die Keller waren bereits fertig, und auch die Kellerdecken,  als

der Krieg ausbrach wurden die Bauarbeiten vorerst eingestellt.

 

Auf die  Kellerdecken  der nicht fertig gestellten Häuser  wurden 8,8 cm Flackgeschütze gestellt  und  von jeweils  einem Unteroffizier oder Obergefreiten als Befehlshabenden  mit 4 oder 5 Hitlerjungen (15 und 16 Jahre alt)  bedienst. Ältere Schüler gab es nicht mehr, da die Jungen um der Einberufung mit achtzehn zur Wehrmacht zu entgehen, sich freiwillig zur SS oder Waffen-SS meldeten. 

 

Der Unterricht für die Hitlerjungen fand  m Freien auf Gartenstühlen in Nähe der Geschütze stattt. Geschlafen wurde  in dahinter ste-

henden Baracken. Bei Alarm wurden die Stühle zur Seite gestoßen und die Jungen stürmten zu den Geschützen, rissen die Tarnung runter und kurbelten die Rohre hoch..

 

Die Nachbarschule  der Friesenschühler  an der Grenze von Charlottemburg und Moabit gelegen,  durch einen Kanal getrennt,  hatte

auf ihrem Dach eine Vierlingsflak stehen, die von zwei Hitlerjungen bedient wurde.  Als eine Luftmine vorbeisegelte und einen an der

Kaimauer vertäuten Lastkahn versenkte,  wurde das Geschütz mit Bedieung  durch den  Luftdruck  hinunter  geweht.   Das waren die  ersten Kriegstoten  unter den Hitlerjungen des Kietzes.

 

!942 wurde die Friesenschule mit ihren Lehrern und Müttern der Schüler evakuiert.  Günter Wirth´s Klassenkamerad   Manfred Thiele

zog  mit seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter zu den Großeltern nach Sachsen.

 

ENDE  (geptüft und ergänst am 11.5.1058)  FERTIG

Aufnahme in das Deutsche Jungvolk***