Günter Wirth
Günter Wirth


1938: Einschulung

 

Günter Wirth wird 1938 in der 5. Volksschule zu Berlin-Charlottemburg in der Kaiserin-Augusta-Allee, der heutigen Mierendorffstraße  eingeschult. 

 

Der Rektor  ging morgens  im schwarzen Gehrock  durch die Klassen  und kontrollierte  die Schüler  auf Sauberkeit  der Hände  und Fingernägel.  Wenn sie schmutzig waren  erkundigte er sich  ob Rechts- oder Linkshänder und wenn er etwas zu beanstanden hatte, 

gab es mit dem Rohrstock Schläge auf die Fingerspitzen der nicht zum Schreiben gebrauchten Fingerspitzen.

 

Nachdem man in der ersten Klasse noch die Sütterlinschrift lernte und mit einem Griffel auf der Schiefertafel herumkratzte,  wurdei in

den Schulen 1939  auf Befehl des Führers  die Sütterlinschrift abgeschafft  und  die Normschrift  eingeführt.  Die Sütterlinschrift  fand

Günter Wirth wegen der Zackigkeit viel schöner und er erhielt dafür stets ein ´sehr gut´ auf seine schiflichen Arbeiten. .

 

Von der Progromnacht und den Judenverfolgungen wurde in der Schule nie gesprochen und auch nicht zuhause.  Günter bekam nur die eingeschlagenen Schaufenster mit.  Als er einmal mit seinem Vatern im Verkehrsmuseum war und an der Absperrung der großen Eisenbahnanlage stand, erblickte er ein zerbrochenes Fenster im Bahnhofsgebäude, zeigte darauf und sagte "Jude!", das war  sein- em Vater  mehr als peinlich  und er zog  Günter  mit sich fort.  Ein anderes Mal war Günter Wirth  in einem Kreis  von Kindern  an der Charlottenburger Schloßbrücke  und vor ihnen  ging ein in Schwarz gekleideter Mann,  da riefen einige  "Jude Itzig! Jude Itzig!". Kein Mensch reagierte darauf.

 

Am 6. Juni kommt die Legion Condor aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurück. Günter Wirth ist mit seiner Mutter  am Brandenburger Tor dabei. Er wundert sich über  die ungewohnten Uniformen und ist enttäuscht, da sie nicht wie die bekannten Deutschen Uniformen aussehen. 

 

In der Schule  gab es keine Peitschenhiebe mehr,  obwohl die Peitsche  noch in vielen Haushalten  vorhanden war. In Günter Wirth´s Wohnzimmer hing sie zwischen Schlafzimmertür und Wohnzimmerstanduh. Benutzt wurde sie nie.  Als Günter mal einen wertvollen

Porzellanelefanten beim Spielen zerbrach  und sein Vater ihn mit dem Rohrstock in der Hand  rund um den großen runden Tisch des Wohnzimers jagte,  konnte Heinrich vor Lachen bald nicht mehr  und die Angelegenheit  wurde beendet.  In der Klasse  waren einige Strafen in Gebrauch. Außer in der Ecke stehen,  Gesicht zur Ecke,  war das Umsetzen der Schüler beliebt.  Der zu strafende Schüler mußte sein Patz tauschen und vorn in der erten Reihe platznehmen.  Als der kleine Kraft mal Hiebe auf den Hosenboden bekommen sollte und vortreten  und sich bücken mußte,  faßte ihn  der Lehrer an den gekreuzten Hosenriemen seiner Seppelhose. Beim Heben rissen die Knopfe der Hose und Kraft plumpste zu Boden.  Er wurde zum Umkleiden nach Hause geschickt  und Günter Wirth  mußte ihn begleiten.

 

Am 26. August 1939   wurde  der Unterführer-Anwärter Heinrich Wirth (37)  zum aktiven Wehrdienst  einberufen  und  der 1. Batterie-Verm.-Lehr u. Ers.-Abt. zugeteilt.   Am 1.September   saß Günter Wirth (7)  mit einem  Schulkameraden  auf den Stufen  eines Haus-einganges und sie hörten vom Ausbruch des Krieges. Sie sahen sich an. Krieg?,  Krieg, was heißt das? 

 

Heinrich Wirth (37)  kam  als Infanterist  an die Front nach Polen  und machte den kurzen Polenfeldzug mit.   Er wurde zum Gefreiten

befördert und erhielt das Infanterie-Sturm-Abzeichen.  Nach Ende des Polenfeldzuges  wurde er,  da er (37) von  Ziviel her Geometer war,  als Trigometer   der  Feldeinheit  des OKH (Oberkomando des Heeres)   Vermessungsabteilung   zugeteilt.  Die Abteilung unter- stand dem Genearalstab des OKH. 

 

1940  wurde die Vermessungsabteilung  mit allem Gerät auf Lastkraftwagen verladen und in langer Kolonnne in die Nähe der Grenze zu Belgien und Frankreich verlagert und in Aachen  stationiert.  Von der Zeit in Aachen  und der Stadt selbst hat Heinrich Wirth immer geschwärmt.  Dann hieß es warten. Es kam Ostern. Das Deutsche Heer stand den vier Heeren der Holländer, Belgier, Franzosen und Engländer gegenüber. Am 10 Mai schlug man zu, in Junkersdorf kam am 14.Mai für die Vermessungssoldaten der Marschbefehl. Aus Fotos von Aufklärungsflugzeugen  hatte man  Vierfarbenkarten im  Maßstab 1::10.000 von Belgien  und des hinter der Grenze liegen-

den Frankreich  mit  Koordinatenverzeichnissen  hergestellt.  Zweifarbige Übersichtskarten waren gedruckt und an die Truppe ausge-

telt. Für Weihnachten wurde eine Festschrift verfaßt und gedruckt.

 

Mit der 1. Etappe kam  Heinrich Wirth  in das kleine Dorf Andler.  Hier sprachen viele, die nicht aus Eupen-Malmedy  geflohen waren, deutsch.  Nach 22 Jahren  war nun  Eupen-Malmedy wieder deutsch. Die Vermessungsabteilung  des OKH vermaß nun die gesamte Atlantikküste von Belgien bis zur Biskaya.

 

1942  kam Heinrich Wirth als Unteroffizier aus Frankreich zurück.  Sein Augenlicht hatte sich stark verändert und da er mit 40 Jahren

zu alt  für einen neuen  Fronteinsatz war,  versetzte man ihn zurück in den Bendler Block.  Man beförderte ihn  vom Unteroffizier zum

Wachtmeister,  so hießen  Feldweber bei der Artillerie.  Ihm wurde das Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse  mit Schwertern verliehen  und bekam als Stabswachrmeister Heimaturlaub.   Günter Wirth war inzwischen 10 Jahre alt geworden und hatte sich als Oberschüler an

der  Friesen-Oberrealschule mathematischen Zweiges angemeldet. Bei seinen guten Zensuren brauchte er  keine  Aufnahmeprüfung zu machen. Heinrich Wirth bewog den Vater seines Freundes Heinz Dölz, auch seinen Sohn an der Friesenschule anzumelden.

 

Die Friesen-Oberrealschule  war ein großer Häuserblock  in der Kamminerstraße,  die seit Kriegsende  den Namen  Gottfried- Keller-Gymnasium  trägt.  Damals 1942  war  der linke Teil  eine Hilfsschule,  heute  Sonderschule genannt.  Der rechte  Flügel   der Schule

war eine Grundschule. Die Schüler  der drei Schulen hatten  verschiedenene große Pausen  und kamen sich nicht ins Gehege.  Man sah sich nur manchmal, wenn sie mal zufällig zusammen Schulschluß hatten.

 

Das Foto wude zum Abschluß des Einjährigen 1942  an der 5.Volksschule in Charlottenburg gemacht,  als die an den höhreren Schu-

len gemeldeten Schüler wechselten. Heinz Dölz ats zehnter in der obersten Reihe von links,  Günter  Wirth  auf der rechten Seite  vor dem Klassenlehrer. Weitere Schüler in der obersten Reihe neben Heinz Dölz als fünfter Egon Jennert. In der zweiten Reihe von oben als erster ganz links Joachim Berke.  In der fünften Reihe von oben vor Günter Wirth sitzt Theo Hübner rechts am Bildrand. In der un- rsten Reihe in der Mitte sitzt Peter Vierguts. Günter Wirth steht rechts vor seinem Lehre. (Fertig gestellt am 20. Dezember 2018 ***)

1942: Abgang von der 5. Volsschule Charlottenburg, Günter Wirth rechts vor seinem Lehrer