Günter Wirth
Günter Wirth

1933: Die Unterschiede ***

Die Kinder des Vorderhauses durften nicht mit den Kindern des Hinterhauses spielen. Für Günter Wirth war das völlig egal, denn sein Eckhaus  hatte ja zwei Vorderhäuser, Tauroggener Straße 40 und Mindener Straße 22.  Ob in dem gemeinsamen Hinterhaus  Kimder überhaupt vorhanden waren, daran kann er sich nicht mehr erinnern, Kinder sehen ja alle gleich aus.

 

Sogar die Stockwerke waren rangmäßig unterschiedlich. Sie nahmen in den Geschossen in ihren Wohnungshöhen von unter groß zu oben immer kleiner ab.  Günter Wrth kam im dritten Stockwerk zur Welt und das war noch passabel.  Die Nebenstraßen zählten auch weniger als die Haupstraße.  Die Tauroggener Strasse lag auf der einen Seite der Spree,  die Wilmersdorfer Straße mit besseren und viel mehr Geschäften und einem Kaufhaus  auf der anderen Seite.  Wenn Günter Wirth´s Eltern  zum Einkaufen in die   Wilmersdorfer gingen  so gingen sie in die Stadt.  Auch das noch, als sie 70 waren.  Neben seinem Wohnviertel in  Charlottenburg gab es aber auch noch das bessere  und vornehmere Westend. 

 

Unterschiede  sah man auch an den Fassaden der Häuser. Viel Stuck in den Haupstraßen, glatte Fassaden in den Nebenstraßen. Im Gegensatz zu Charlottenburg  hatten die Häuser in Wilmersdorf zwei Hauseingänge ,  einen Haupteinang, zum Teil pompös und reich verziert angelegt ,und  auch die Treppenstufen mit Teppichen, und einen bescheidenen Nebeneingang für Dienstboten, Zulieferer und Hinterhäusler.

 

Wärend  das S-Bahnschild  Charlottenburg  wie ebensolche andere  früher noch  den Zusatz  bei Berlin´ hatten,  wurde das  nach der Eingliederung zu Großberlin am 27. April 1920 zum Teil aufgegeben. 

 

Am 1. Januar 2001  kam die Reform der Verwaltung  und in Berlin wurden verschiedene Stadtteile zusammen gelegt.  Nun wurde aus Charlottenburg der Bezirk  Charlottenburg-Wilmersdorf.  Ob das allen Wilmersdorfern gefallen hat,  bezweifelt Günter.  Die 12 Bezirke wurden in 96 Ortsteile. untergliedert.

 

Über die Schulen braucht man nicht zu sprechen. Das Volk hatte seine Volksschule.  Die besser Gestellten schickten ihre Kinder aufs

Gymmnasium oder auf die  Oberschule, von der es mehre unterschiedliche Arten gab. So hatte Günter Wirth seine Friesen-Oberreal-Schule  als Mittelteil  eines  goßen Schulkomplexes,  im linken Seitenteil  eine Hilfsschule (Sonderschule)  und  zur Rechten  in einem Quergebäude eine Volksschule.  Die großen Pausen  waren getrennt von einander  und zu unterschiedlichen Zeiten,  die Hilfsschüler sahen die Oberrealschüler nie  und die Mädchen der Volksschule  nur manchmal  bei einem  gemeinsamen Schulende. Sie taten sich genseitig nichts, aber die Volksschülerinnen hielten genügend Abstand von den Oberschülern.

 

Beim Militär  hat sich seit Kaiserzeiten  nichts geändert. Die Offiziere  lebten in Häusern,  die Soldaten  zumeist in Kasernen.  Und die Offiziere  hatten einen  Stallburschen,  heute einen  Adjutanten.  Die Offiziere  hatten einen Offiziersclub. Gegessen  wurde  Getrennt, Offiziere  im Kasino,  Soldaren in einem Speisesaal. 

 

Als  Günters Cousine Sieglinde aus Darmstadt  zur Testamentseröffnun  des verstorbenen Arno Manske (1900)  nach Berlin kam, um

die Angelegenheiten  mit der Bankgesellschaft zu regeln  und Sie mit  Günter Wirth  unterwegs waren,  hat sie mit 50 Jahren von ihm  noch immer Abstand gehalten und ihn oft genug wissen lassen, daß er etwas Besseres sei. Sie war eben in einer Nebenstraße gebo-ren und hatte nur die Volksschule besucht.

 

ENDE