Günter Wirth
Günter Wirth

1932: Kindheit 

 

BERLIN-CHARLOTTENBURG:  Günter Wirth wurde am 22. Januar 1932  in Charlottenburg geboren.  Sein Vater war  der  Geometer

und  Vermessungstechniker Heinrich Wirth (20.6.1902-9.1.1978),  seine Mutter die Verkäuferin Clara Wirth (5.11.1900-18.7.88), geb.  Ölberg.

 

Günter Wirth  wohnte  mit seinen  Eltern   Heinrich und Clara Wirth  in der Wohnung von  Claras Eltern   Karl und Luise Ölberg  in der Tauroggener Straße 40  im 3.Stock, einem Eckhaus mit der Mindener Straße 22.  Sein Kinderbett war im elterlichen Schlafzimmer an den Fenstern  des Erkers,  richtete sich   Günter  an den Gitter auf  und blickte  auf das Treiben  in der  Tauroggener Straße  und  die voberfahrenden Straßenbahnen. Die Tauroggener Straße war eine Hauptverkehrsader des Kiezes. Vom Luisenplatz aus ging es über die Schloßbrücke, Tauroggener Straße bis zum Lichtspielhaus Orpheum an der Osnabrücker Straße. Alle Straßenbahnen und es gab viele, ca. 10 Linien, mußten diesen Weg nehmen.  Die  Linie 3 war eine Ringstraßenbahn  und fuhr durch alle Stadtteile.  Eine andere hatte an ihren Endhaltestellen jeweils Heilstätten bzw. Irrenhäuser und man sagte scherzhaft, "fahr ruhig bis Orpheum und dann links oder rechts, du kommst immer richtig an".  Viele Linien, so die Linien 155 und 154,  hatten zudem noch  ab Mai 1902 Ersatzlinien, die E-155 und E-154. Als 1953 die Nottrennung Ost-West kam, fuhren die Bahnen nur noch bis an ihre Sektorengrenzen.

 

Die Kinder des Hauses  spielten auf dem geräumgen Hof  des Hauses Taurogener Straße,  auf der auch  die Backstube der Bäckerei Kästner war, oder in der kaum befahrenen Mindener Straße. Ein Bäckergeselle war inder Motorradstaffel der SS. Manchmal bei guter Laune mache er mit einem der Kinder eine Biege mit seiem Rad.

 

In der Mindener Staße Ecke Kamminer Straße war ebenfalls eine Bäckerei, die Bäckerei Berke. Der Sohn der Bäckerei hieß Joachim Berke und ging in die gleiche Schulklasse wie Günter Wirth. Joachim  war ein ruhiger Junge und von allen Kindern der Straße beliebt. Das nicht nur wegen seiner Geburtstagsfeiern. 

 

Damals  in den 30er und 40er Jahren  war es noch Sitte,  daß von auf Blechen gebackenen Kuchen (Blechkuchen ) die Kanten abge-schnitten wurden.  Die kamen dann  mit den Kuchenkrümeln  der abgeschabten Bleche  zusammen  in  eine Tüte,  die dann als "Tüte Kuchenkrümel"  für einen  Sechser  (5 Reichspfennige)  oder einen Groschen  (10 Reichspfennige)  zum Verkauf   angeboten  wurde.

Neben den Sechsern und Groschen gab es auch noch den Taler, doch der war schon sehr ungebräuchlichh geworden.  Auf den Bau-stellen sagte man 1 Taler, wenn man drei Reichsmark meinte. Und für 20 Reichsmark sagte man 1 Pfund.

 

Die Preise waren damals wesentlich geringer als heute. So kostete ein Kinobesuch 80 Reichspfennige,  für Kinder und Militär  nur die Hälfte.

 

Als Günter Wirth (2)  noch in Mutters Bett lag,  war  " Der Tag der Langen Messer ".  Er erfur  vom  Röhm-Putsch.   Die höchsten  SA-Ränge wurden gefagen genommen, eingesperrt und ermordet.  Aber die SA existierte weiter  und Günter konnte  vom Eckfenster des Erkers  aus  das Orpheum  mit den davor auf dem Kopfsteinplaster  angetretenden SA-Mannschaften beobachten,  die dann  zu einer Aufführung geschlossen hinein geführt wurden. Acht Jahre später konnte er es mit dem Deutschen Jungvolk selbst erleben.

 

1936 gab es eine große  Aufregung:  Der LZ-136,  die Hindenburg,  das größte Luftschiff der Welt,  ein Luxus  Tranportmittet,  ein  so-

genanntes fliegendes Hotel, sollte am 4. März 1936 seinen Jungfernflug über Berlin machen. Die Menschen standen auf den Straßen und  auf  den  Balkonen  der Häuser  und reckten sich  die Hälse aus.  Günter Wirth  stand  mit  Mutter und Großmutter  ebenfalls auf  dem Balkon.  Er wußte nicht  wohin er  schauen sollte,  in die Straßenschlucht  wo die Straßenbahnen fuhren ?.  Er hatte noch  keine  Vorstellung von Sachen,  die in der Luft am Himmel fliegen. Aber es gab nichts zu sehen,  weder in der Straße,  noch in der Luft.  Sie sahen den Zeppelin nicht..

 

Zwei Monate später,  am 3. Mai ,  sollte die Hindenburg  von Franfurt aus  nach Lakehurst   bei New York  fliegen.  Da das Wetter  so schlecht war, mußte die LZ 136 einen Umweg nehmen  und kam erst zwei Wochen verspätet in Lakehurst an. Da sie mit Wasserstoff statt mit Helium flog, das ihr die USA nicht verkauften,  machte sie  durch bis heute nicht geklärte Umstände,  eine Bruchlandung und ging in Flammen auf. Nur wenige Menschen überlebten schwer verbrannt.

 

Zurück zur Staße: morgens oder im Verlauf des Tages  kam immer der von einem Pferd gezogene Eiswagen. Wenn der Kutscher die

Glocke bediente,  kamen  die Hausfrauen oder Kinder herbei  und holten sich  eine abgeschlagene Ecke  des Eisblocks,  einen Kühl-schrank hatte man noch nicht.

 

Die Milch  mußte man sich vom Kuhstall holen.  Dieser war in der Mindener Straße  zwischen der  Tauroggener Straße und  Kaiserin- Augusta-Allee,  in der auch  seine 5. Volksschule war.  Auf dem Hof  war rechts  der Kuhstall,  im  Erdgeschoß  des Hinterhauses  der Laden, wo die  pastorisierte Milch  in Kännchen zu 1/4, 1/2 oder 1 Liter  abgefüllt  und in  mitgebrachte Milchkannen gegossen wurde. Auf em Rückweg machte Günter Wirth  erste Versuche mit der Schwerkraft,  schleudert die gefüllte Kanne im Kreis herum und  freute sich,  keinen Tropfen verloren zu haben. 

 

Onkel Georg Romaike,  ein Cousin seiner Mutter Clara  wohnte auch in der Tauroggener Straße in einem Neubau schräg  gegenüber von den Wirth´s.  Seine Frau Trudchen und er hatten keine Kinder. Georg hatte ein großes Modell  einer Schlepptenderdampflok, das wie in echt mit Wasser im Kessel und Spiritustabletten im Feuerloch angetrieben wurde. Es war über 1 Meter lang.  Schienen hatte er nicht. Da seine Wohnung sehr klein war  und nur einen kurzen Flur hatte, brachte er das Modell bei einem Besuch bei den Wirth´s mit und man probierte es  auf dem ca.10 Meter  langen Flur aus.  Es war herrlich, die Lok  rauchte  und dampfte,  die Räder  drehten sich und nach richtigem Einstellen  fuhr sie  bis an die Wohnungseingangstür.  Dann mußte irgend wann mal das Wasser nachgefüllt  und  die Spiritustablette ergenzt werden.   

 

Konnte Günter Wirth  bei schlechtem Wetter nicht raus ins Freie,  spielte er  auf dem 4 m langen und 3 m breiten Orient-Teppich  des 

Wohnzimmers.  Er hatte neben den verschiedenen Mustern einen an den Rändern rundherum laufenden breiten Streifen, der ihm als

Straße diente.  Auf ihm konnte er mit seinen Autos spielen. Bei gutem Wetter  war es den Kindern  ein Vergnügen  mit verschiedenen

Rennautos, offenen  und geschlossenen,  die inneren Hohlräume  mit Knete ausgestopft  und so  richtig  beschwert,  Autorennen  auf auf  den Straßenbordsteinen  ausutragen.  Die Rennen gingen oft  das ganze Rund um das Häuserviertel,  etwa 900 m, Tauroggener Straße, Tegeler Weg,  Mindener Straße und wieder bis zum Ziel in der Tauroggener Straße.  Die Modelle gab es  in zwei Maßstäben, im größeren Maßstab sogar mit zu steuernden Achsen und zum Selbstzusammenbau. 

 

Beliebt waren damals weltweit auch kleine flache Zinnfiguren  in allen Zeitabschnitten und Gebieten  von  Firmen in  Deutschland und England.  Sie gab es fertig bemalt und  unbemalt als Bausatz. Der Bausatz enthielt die Form, die man mit Zinn ausgießen mußte, und die Angaben zum richtigen Bemalen.  Auch gab es große Zinnfiguren fertig und als Bausatz.  Dann gingen die Firmen über  zum Her-

stellen von plastischen Figuren  in Zinn oder als Masse.  Günter Wirth hatte noch keine. Später in den 50er Jahren war er Mitglied der CLIO,  einer Znnfiguen-Sammlergruppe, die sich einmal jeden Monats im Ratskeller des Charlottenburger Rathauses  zum Tauschen und Erfahrungsaustausch trafen. Unter ihnen waren auch zwei Museumsmaler,  die für Museen Figuren aus Zinn oder Masse bemal- ten.  Da Günter Wirth Sammler und Importeur von Modelschiffen aus Metall im internationalen Maßstab 1:1250 aus England und den

USA war,  bewog man ihn,  doch mal  zu Figurenherstellern  in den USA und  Großbritanien  Kontakt  aufzunehmen.  Und auf  Grund seiner guten Referenzen gelang es ihm. In Schottland freundete er sich mit dem Inhaber einer bekannten Firma an, die vollplastische Zinnfiguren vertrieb.  Der rief Günter Wirth mehrmals an und tauschte sich mit ihm in langen Gesprächen  über Kriegserlebnisse aus.

 

Der Schotte  war begeistert von den deutschen Solaten,  besonders vom Akrikakorps.  Als er  mit seinen Leuten einmal  in ein Minen-feld geriet,  machten sich die Deutschen bemerkbar,  warnten sie  und lotsten sie  aus dem gefärlichen Gebiet  heraus.   Günter Wirth sprach mit ihm jedesmal über eine Stunde lang.  Aus den USA ließ er sich von einer dahin übersiedelten englischen Firma  der ´Serie 77` die 77 cm großen vollplastischen Figuren, berittene Ritter und Landsknechte, auch deutsche Figuren der kaiserlichen Zeit, jeweils zu drei Exemplaren in unbemaltem Zustand schicken,  gab einem der beiden Museumsmalern  drei Stück  und erhiehlt  ein  Exemplar fertig  bemalt  zurück.  Die beiden Maler,  die sich  die sehr teuren Rohgüsse  nicht leisten konnten,  waren froh  und dankbar.  Günter Wirth ebenfals.  Er hatte ein neues Hobby und hatte bald  eine stattliche Sammlung  von mehreren hundert Figuren. Für das Bemalen von Figuren  hatte er nicht das Talent,  besonders die Gesichter  machten ihm Schwierigkeiten.  Dafür widmete er sich  dem Abfomen von schwer oder nicht mehr zu erhaltenen Wiking-Flugzeugen in 1:200.  Die Formen goß er dann  mit ´Maikäferzinn´ (besonders hart) aus  und  bemalte und sptitzte sie in Tarnfarben.  Morgens war er eine Stunde  vor Schulbeginn im Klassenraum,  freute sich über die vielen leeren Tische und arbeitete drauf los. Wenn die Schüler um 8 Uhr  zum Unterricht kamen,  hatte er alles  in seinen zwei großen Schränken  verstaut,  übrig blieb  nur der Gestank  der Spritzdosen und Farben,  aber die Schüler  gewöhnten sich daran.  Zum Glück hatte Günter Wirth ein eigenes Unterrichtszimmer,  daß er mit niemand teilen mußte.

 

Günter Wirth´s Vater  hatte  als Hobby  Malen  und Fotografieren.  Daneben war bei ihm  auch  Schnitzen und Basteln  angesagt. Für

seinen kleinen Sohn schnitzte er einen braunenen Pudel, den er beim Schlafen gehen tests in seiner Faust hielt und an seine Wange drückte.  Heute hat  ihn Günters  Enkel Merlin   in einem Regal stehen.  Auf  Merlins Vater,  Günter Wirth´s Sohn  Jussuf Wirth   wäre sein Urgrosvater Heinrich Wirth genauso stolz gewesen. Jussuf hat Zimmermann gelernt und danach erst sein Abitur gemacht. Er hat sich dann fürsorgerischen Tätigkeiten gewidmet, war Streetworker und beträute auf der Straße lebende Jugentliche bis er Mitleiter ei-

ner Organisation wurde,  die aus dem Takt gekomene Jungen betreute.  Jetzt,  nachdem er das  in Heiligensee gelegene Grundstück

seiner Eltern übernommen und rnoviert hat,  baut und bastelt er an einem lebensgroßen Hozpferd, einem Pony  für seine Tochter Iva- Lisanne, Günters Wirth´s Enkelin.  Man kann sich die Größe vorstellen, wenn es einen original Pferdesattel trägt.

 

Neben diesem kleinen von Heinrich Wirth geschnitzten Pudel hatte Günter Wirth  noch zwei weitere Begleiter, einen großen braunen  und einen kleineren weißen Teddybären.  Der weiße wurde mit der Zeit graun und schließlich schwarz,  was aber Günter nicht weiter störte.

 

Günter Wirth hatte einige aus Blech gefertige Autos,  die man zum Fahren aufziehen konnte.  Sein Vater bastelte ihm  eine Autobahn aus Holz mit einem Endziel,  einem mehrgleisigen Betriebsbahnhof.  Die Fahrspur war zweigleisig mit einem Mittelstreifen,  für der er mehr als 100 Pappeln schnitzte und bemalte..

 

Die Autobahn  war wohl eine Ersatz für eine eletrische Eisenbahn,  die er sich immerzu wünschte, aber nie bekam.  Erst war er  nach

Meinung seiner Mutter zu klein dafür, dann später zu groß.  Günter kaufte sich später in den 50er Jahren in Ostberlin eine  HO- Bahn. Die Schienen waren aus Metall, die Schwellen aus Holz. Lokomotiven und Wagen waren von Gützold und Piko.

 

Mit Spielsachen  sah es für Günter Wirth  in der Zeit  von 1937 bis 1939  schlecht aus. Zu den Weihnachsfeiertagen lagen unter dem  Weihnachtsbaum immer Socken oder Wäsche.  Eine Brieftasche wurde ihm zweimal geschenkt.  War Weihnachten vorbei, wurde sie weggenommen  und beim nächten Heiligabend  erneut unter  den Weihnachtsbaum gelegt.  Aber was sollte auch  ein Fünf- oder Sie-benjähriger mit einer Brieftasche?  Vor dem Heiligabend 1937  wurde Günter im Schlafzimmer eingesperrt  und sein Vater vergnügte

sich mit Onkel Georg am Wohnzimmertisch mit einem Weihnachtsgeschenk für Günter.

 

1939 war das letzte gemeinsame Weihnachten.  Heinrich Wirth hatte als infanterist den kurzen Polenfeldzug  mitgemacht  und wurde als Obergefreiter und von ziviel her Vermessungsmensch zum OKH versetzt. Seine Artillerie-Vermessungsabteilung wurde von Berlin nach Aachen verlegt und dort stationiert.

 

ENDE  (überarbeitet am 8.9.2018) und fertig.