Günter Wirth
Günter Wirth

1902:  Günter´s Vater Heinrich Wirth***

Günter Wirths  Vater Heinrich Wirth (20.6.1902- 9.1.1978)  wurde am  20. Juni 1902  in  Berlin-Wedding  von  Frau Emma Wirth,  geb. Hoyme (geboren am 27. November 1878  in Mittel-Treutschental) und Otto, Franz, August Wirth (geboren am 14. März 1873 in Labes (Pommern) geboren.  Er wurde am  25. Dezember 1902  in der Dankeskirche der evangelischen Kirchengemeinde zu Berlin-Wedding getauft. Er hatte zwei Geschwister, Otto Wirth (20.12.1889-  ?  ), Else Wirth (31.1.1899-  ?  ).

 

Er besuchte ab 1908 die Volksschule,  die er am 30. September 1916 mit der mittleren Reife abschloss. Vom 1.Oktober 1916 bis zum 30. September 1920  erhielt er eine Lehrausbildung  als Vermessungstechniker  im Privat-Vermessungsbüro R. Schmitt, Berlin, wo er dann  vom 1. Oktober 1920 bis zum 31. Dezember 1921  als ausgebileter Vermessungstechniker  tätig war.  Vom 1. Januar 1922  bis zum 15. Februar 1925 übte Heinrich Wirth eine landmesserische Tätigkeit in der Union Baugesellschaft, Berlin aus.

 

Heinrich Wirth  beginnt mit dem Kopieren von Ölbildern  und einem Selbstudium von Deutscher Grammatik und Rechtschreibung und schreibt handschriftlich ein Buch darüber, welches er im Krieg und in schwerster Kriegszeit beendet.

 

In den Jahren 1920 bis 1925 besuche er  neben der Hauptbeschäftigung als Vermessungstechniker  verschiedene Lehrgänge für den Hoch- und Tiefbau. Am 7. Juli 1924 legte er ohne Schulbesuch als Extraneer an der Staatlichen Baugewerkschule Berlin-Neukölln die Abschlussprüfung als Vermessungstechniker ab.  Am 2. Oktober 1942  erhielt er  von der Staatsbauschule in Berlin-Neukölln  das Di-plom- zeugnis als Ingenieur für Vermessungstechnik.

 

Am 11. Mai 1929  heiratete Heinrich Wirth  die Verkäuferin Clara, Else, Gertrud Wirth, geborene Ölberg,  in der Luisenkirche in Berlin- Charlottenburg. Clara Wirth gebar am  22. Januar 1932  einen Sohn,  Günter Wirth. Kurz nach dessen Geburt  wurde sie schwerhörig und auf einem Ohr taub. Sie starb am 18. Juli 1988  mit 88 Jahren in Berlin-Spandau.

 

Vom  16. Februar 1925  bis zum 30. Juni 1926   war er  beim  Bezirksamt Weißensee  als  Vermessungssekretär auf Probe  tätig  und wurde am 1. Juli 1926  in das Beamtenverhältnis übernommen,  in der Dienststellung  Stadtgeometer  mit ministerieller Genehmigung zur  Ausführung von Urkundsmessungen.  Seine Tätigkeit war im Planungsamt, das mit dem Vermessunsamt personell eng verbund-en war.

 

Als Beamter mußte sich  Heinrich Wirth  gemäß der nationalistischen Ideologie  zur "Hebung der Volksgesundheit" sportlich beteiligen und erhielt am 17 Oktober 1935 als  Beamter  das SA-Wehrsport-Abzeichen in Bronze  verliehen obwohl er nie in der SA war. 

 

Als Heinrich Wirth 1938  zur militärischen Ausbildung mußte,  meldete er sich zu den Maikäfern, Gardefüsiliere, bei denen schon sein Vater und Großvater  gedient hatten.  Die Ausbildung  fand in einer Kaserne in Jüterbog statt   Die Gardefüsiliere  waren Infanteristen und  hatten  im Gegensatz  zu den Artilleristen  weiße Einfassungen  um Schulterstücke  und Kragen,  die  Arilleristen rote.  Weiterhin hießen die Feldwebel bei der Artillerie Wachtmeister.

 

Heinrich Wirth  bekam  seine Ausbildung  vom 7. März 1938  bis zum 6. Mai 1938  bei dem  als  "Die Maikäfer"  bekannten Infanterie-

regiment 69,  einem  traditionsreichen Füselier-Regiment in Jüterbog,  bei der 15. Kompanie E/J.R.69.  Am 6. Mai 1938  wurde er aus der Heeresausbildung als Unterführer-Anwärter entlassen. Am 26. August 1939 wurde er zum aktiven Wehrdienst eingezogen.  Da er von Ziviel her Geometer war,  wurde er als Trigometer der Feldeinheit des OKH (Oberkomando des Heeres) in die 1.Battr.Verm.-Lehr u. Ers.-Abt. zugeteilt

 

Die Einheit wurde  in Aachen stationiert  und wartete.  Es kam Ostern. Das Deutsche Heer stand den vier Heeren der Holländer,  Bel-gier, Franzosen und Engländer gegenüber.  Am 10. Mai schlug man zu,  in Junkersdorf kam am 14. Mai für die Vermessungssoldaten der Marschbefehl.  Aus Fotos von Aufklärungsflugzeugen  hatte man Vierfarbenkarten im Maßstab 1:40 000 von Belgien und des hin-hinter der Grenze liegenden Frankreich mit Koordinatenverzeichnissen hergestellt. Zweifarbige Übersichtskarten waren gedruckt und an die Truppe ausgegeben. 

 

In der 1. Etappe  kam  Heinrich Wirth  in das kleine Dorf Andler.  Hier sprachen viele  die nicht  aus Eupen-Malmediy  geflohen  waren deutsch.  22 Jahre hindurch waren sie vom Mutterland getrennt gewesen.  Die Truppe wurde mit erhobener Hand begrüßt  Dann ging es  ans Einkaufen,  alles wurde bar  mit deutschem Geld bezahhlt.  Es gab auch  noch keine  Lebensmittelkarten.  Bohnenkaffee  und

Butte rwurden verpackt und in die Heimat verschickt.  Die Befehlsstelle war in dem kleinen "Hotel de l´Our" untergebracht.  Nach zwei Tagen ging es  an der Kanalküste  weiter bis zum Atlatik  und hinunter in Richtung Biskaia.  Ein Soldat sitzt hinten in einem der LKWs und notiert sich die Ortsnahmen der durchfahrenden Ortschaften und wundert sich, daß sie alle DANGER heißen.

 

Heinrich Wirth  wird zum Gefreiten, Obergefreiten und zum Unteroffizier befördert.  Bei allen  Vermessungsabteilungen,  der 1. Staffel

mit dem 1. Zug, dem  Heinrich Wirth  angehörte, der 2. , 3. und 4. Zug  sowie die 2. Staffel mit  D.-Zug, Bildzug  und  der Druckpresse

steht der Karabiner neben dem  Arbeitsgerät.  Die Pistolen liegen  auf dem blanken, unbedruckten Papier.  Die Arbeisräume  sind kei- neswegs ideal.  Die Frischluftverhältnisse  können verständlicherweise  in einem mit  Maschinen  angefüllten Lastkraftwagen  nicht so vollwertig sein  wie in einem Fabrikraum  einer Fabrik.  Hinzu kommen die Temperaturunterschiede  bei Sonnenseinstrahlung und die Dämpfe der vielen verwendeten Chemikalien.  Nach den Fliegerangriffen mußten alle Veränderungen in den Karten auf den neuesten Stand gebracht werden.  Dazu kamen auch die erbeuteten feindlichen Karten und dessen Vermessungsunterlagen, die gesichtet und  ausgewertet werden mußten. Erschwert wurde es, da die Franzosen den Kreis mit 400 Grad berechneten statt mit 360. Und auch die Logarithmentafeln, die bis zu 14 Stellen hatten, waren anders.

 

In seiner Freizeit schrieb  Heinrich Wirth  viele Feldpostbriefe in die Heimat,  zu seiner Frau und allen Verwandten. Sein Sohn, Günter Wirth, der 1940  mit der  Kinderlandverschickung nach Koberg zur Aufpäppelung in ein Kinderheim geschickt worden war, bekam aus

dem   besetzten  Frankreich  mehrmals in der Woche  einen Feldpostbrief  mit Französischen Drops,  die er   zur Verschickung  in ei- 

nem Brief  iin einzelnen Stücken zwischen zwei Briefseiten legte. 

 

Die Vermessungsabteilung fuhr die gesamte Kanal- und Atlantikküste bis zu Biskaia hinab und vermaß und kartographierte Küste und sein  Hinterland. Während der Fahrt durch Frankreich wurde Heinrich Wirth zum Gefreiten, Obergefreiten und zum Unteroffizier beför- dert. Er bekam Heimaturlab und verreiste mit seiner Familie zu einem Bauerhof in Alt-Reddewitz auf Rügen.

 

Sie erreichen die Biskaia und zurück geht es über Orléans in Richtung Heimat. Nach zusammen 8 Etappen erreichte die Truppe nach einer Gesamtstrecke von etwa 1860 km Saarbrücken.  Die Stadt war festlich mit Hakenkreuzfahnen wegen der Heimkehr der vor den Kampfhandlungen  geflohenen Einwohner geschmückt.  Der Gefreite  Adorf  von der Auswertung   erzählt seinem 10jährigen Sohn im Urlaub  von der Betätigung seines Vaters. Auch von der Arbeit mit Rechenmaschinen. Der Sohn fragt zurück wie das denn ist mit den Verrechnungsmaschienen? "Das heißt nicht  V e r rechnungsmaschinen, sondern Rechenmaschinen".  "Wieso Papa?". "Na, weil man mit ihnen rechnet, aber sich keineswegs  v e r rechnet !"  "Ja, Papa, weshalb nennt ihr euch dann  denn  Vermessungsabteilung?

 

Vom Urlaub zurück, wurde er als Unteroffizier  zum OKH, dem Oberkomando des Heeres im Bendler-Block in Berlin-Schöneberg ver-

versetzt und der 2.Kdt.-Abt. Staatsgruppe Ch H Rüst u. BdE, Abteilung für Kriegskarten und Vermessungswesen zugeteilt. Sein Sohn (10) holte ihn nach Dienstschluß oft ab.  Auf dem Weg nach Hause  gingen sie ein Stück zu Fuß  und Günter wunderte sich  darüber,

daß  sein Vater  öfters vor einem Geschäft  stehen blieb  und sich die Auslagen ansah,  obwohl da nichts besonders Interessantes zu sehen war. Dann kam er dahinter. Sein Vater blieb dort stehen, weil ihm auf dieser oder der gegenüber liegenen Straßenseite ein SS-

Mann entgegen kam und er ihn nicht grüßen wollte. Aber darüber wurde nie gesprochen.

 

Am 1. Oktober 1942  wurde er  vom Unteroffizier zum Wachtmeister  (Feldwebel)  befördert  und seine  Vermessungsabteilung wurde nach Saalfeld-Saale in Thüringen und in die dortige Schokoladenfabrik Mauxion verlegt.

 

Als die Luftangriffe  auf Berlin  auch Tagsüber   begannen wurde  die Friesen-Oberrealschule  seines Sohnes  mit Lehrern  und Eltern 1943 nach Preussisch-Holland in Ostpreussen evakuiert.

 

Am 1. September 1943  wird dem  Wachtmeister Heinrich Wirth  vom Generalstab  des OKH  das  Kriegsverdienstkteuz 2 Klasse  mit Schwertern verliehen. 

 

Heinrich Wirth besucht auf einem Kurzurlaub seine evakuierte Familie in Ost-Preussen.

 

In den Sommerferien1943  bekam er einen Gegenbesuch seines Sohnes in Saalfeld.  Er kannte die Kriegslage genau, behielt Günter

in seiner Dienststelle  und ließ ihn nicht nach Ostpreußen zurückfahren.  Ein paar Tage schlief Günter Wirth  in einer Ecke der großen Arbeitshalle und sah sich tagsüber alles an (siehe Blog 1944: Günter im OKH). Mit einigen der Frauen und Männer schloß er Freund-

schaf.  Den Kunstmaler  Paul Münchhagen,  genannt ´Wüstensohn`, der als Künstler  für technisches Zeichnen völlig ungeeignet war, schickte Heinrich Wirth mit seinem Sohn ins Freie zum Malen. Eine Kinderbuchautorin schenkte seinem Sohn ein Skizzenbuch, malte

auf der ersten Seite  eine lustige Mäusefamilie  und schrieb ihm eine Widmung " im Weglassen liegt die Kunst"  hinein. Der Unteroffi- 

zier Max Beckmann aus Weissensee war Briefmarkensammler, zeigte Günter seine Sammlung  und verleitete ihn zum Sammeln von

Briefmarken. Heinrich Wirth kaufte ihm einen großen Satz Wehrmachtsmarken ab und schenkte sie Günter zu dessen Geburtstag am

22. Januar 1944.  Die Frauen und Männer der Luftbildauswertungsabteilunung wußten von Günter´s Verbleib in der Abteilung, eben-

falls der Vorgesetzte, ein Hauptman Prof. Dr. Dr. Kreuzberg.

 

Günter Wirth wurde als Melder eingekleidet,  erhielt Stalhelm, Militärmantel über seiner Unifom als  DJ-Pimpf, Karabiner und vollkom-

mende Ausrüstung mit Gasmaske, Brotbeutel, Essgeschirr und Feldflasche.  Stabswachtmeister Heinrich Wirth hatte nichts dagegen

einzuwenden, denn er wüßte ja, in Saalfeld mit seinen zu Lazaretten umgebauten Schulen  durften sich als offene Stadt keine kämpf-

verbände mehr aufhalten, also gab es nichts zu melden und kenien Einsatz als Melder.

 

Seinen Sohn konnte Heinrich  aber nun nicht länger in seiner Dienststelle behalten und brachte  ihn bei einem befreundeten Fleischer

in den gegeüber dem Rathaus liegenden Kolonaden am Markt  unter.  Bei ihm lernte Günter zum ersten Mal  richtige Thüringer Klöße

kennen, die kindskopf groß und grün waren. In der Kammer hingen an der Decke eine Menge Würste. Der Fleischermeister schenkte

seinem Sohn  eine Leberwurst,  die rundherum  gelb vor Fett war. So etwas würde man heute  2018  nicht mehr kaufen. Günter Wirth

träumte  noch immer  von einer Rückkehr  nach Preussisch-Holland  und saß  auf dem Teppich  im Wohnzimmer  des Fleischers  und

bastelte  an Schulterklappen für die Kinder von Frau Heinrich  und die des Schulmeisters nebenan, als er im Radio von dem  Attentat auf Hitler in der Wolsschanze hörte.

 

Heinrich Wirth  schickte ein Telegramm an seine Frau Clara, sie solle die Koffer packen und mit ihrer Mutter Luise nach Saalfeld kom-

men. In Saalfeld organisierte er eine kleine Wohung, die nur aus der Küche und einem zweifenstrigen Zimmer bestand.  Es hatte eine

Toilette für zwei Familien eine halbe Treppe tiefer und außer den Ehebetten eine Couch. Das mußte für vier Personen ausreichen.

 

In Preussisch-Holland (siehe Blog:1942, Preussisch-Holland) machte sich Frau Heinrich mit ihren vier Kindern und ihrer Gesellschaf-

 

terin Herta Hoppe  mit einem Treck auf  in Richtung Westen.  Herta sonderte sich ab  und versuchte,  zu ihrer Freundin Clara Wirth in

Saalfeld. zu gelangen. In Saalfeld waren nun  fünf  Personen  in der  Einzimmerwohnung.  Heinrich und Clara  schliefen in einem  der Ehebetten, Günter (12) mit Herta (35) im zweiten, Großmutter Luise auf der Couch.

 

Dann kam  aus dem OKH in Berlin  der Befehl,  alles Material,  auch die Maschine und alles Kartenmaterial  zu vernichten und sich in Gruppen  zu zwei Personen  in die Richtung  der amerikanischen Front abzusetzen. Heinrich Wirth kam mit  Max Beckmann bis in die

Nähe von Pößnick und ergaben sich  den Amerikanern.  Als erstes  mußten sie  Karabiner,  Pistolen,  Uhren  und  Eheringe abgeben.

Farbige Soldaten machten sich den Spaß, ihren weißten Kameraden die Eheringe zu stehlen und gaben sie den Gefangenen zurück.

 

Dann ging es auf  Laskkraftwagen weiter  in die Lager. Heinrich Wirth  landete im sogenannten "Todeslager Bad Kreuznach"  und  auf den Rheinwiesen, wo mehrere Tausend Soldaten  zusammengefercht waren.  Für ca. 10 Mann   gab es 1  Brot,  um das  sich die Ge-

fangenen stritten,  und das am Ende  zerbrochen im Wiesenmatsch landete.  Die Amerikaner waren mit den gefangenen Massen von Soldaten  so überforfert, daß sie viele  an die Franzosen zum Arbeiten  in Salzbergwerke abgaben.  Da sollen  die meisten von  ihnen umgekommen  sein.

 

Heinrich Wirth  wurde schwer krank und bekam überall pestartige große eiterne Beulen.  Da Saalfeld auch amerikanisch  besetzt war und seine Familie dort wohnte, entließ man ihn.  Im offenen Wagon  freute sich ein Kamerad lauthals  über seine Freilassung und als die Thüringer ihn an seiner Aussprache als Berliner erkannten,  ergriffen sie ihn und warfen ihn aus dem Fahenden Zug zwischen die Gleise.  Als er in Saalfeld  das Haus in welcher seine Familie wohnte erreichte,  waren die drei Frauen gerade zum Beerenpfücken in den Bergen.  Eine Nachbarin,  Frau Zapf, nahm sich seiner an,  wusch ihn und steckte ihn  in eins ihrer Betten. Als sein Sohn Günter nach einem  Streifzug  nach Hause kam, führte sie ihn  an das Bett,  in welchem sein Vater lag. Er erkannte ihn kaum wieder.  Er war schlohweis gewoden,  sein Gesicht  war dunkelbraun verbrannt. Zwei Wochen  in amerikanischer Gefangenschaft  hatten  aus einem  rüstigen Offizier einen kranken Greis gemacht.

 

Allein Paul Münchhagen wollte sich nicht in Gefangenschaft begeben und blieb in Saalfeld. Er versteckte sich hinter einem Verschlag auf dem Dachboden  eines Einfamilienhauses.  Vierzehn Tage lang versorgte Heinrich Wirth´s Sohn  Günter Wirth  ihn mit Getränken und Essen.  Wie Günter Wirth seinem Vater  später erzählte, wurde es dem Obergefreiten nach vierzehn Tagen zu langweilig  und es kam  zu einer  drolligen  Angelegenheit.  In Gegenwart  von Günter  zog er sich  die komplette Uniform an,  setzte den Stahlhelm auf, befestigte Eßbeutel, Feldflasche und die Gasmaske am Koppel, schulterte das Gewehr, nahm unter seinen linken Arm seine Staffelei und unter dem rechten Arm einen riesigen Block und stiefelte in diesem seltsamen Aufzug los. Günter Wirth gebot er, ihm in zwei bis

3 Meter Abstand zu folgen. Es muß  ein höchst ungewohnter Anblick für die Amerikaner und Deutschen gewesen sein, Wochen nach

der Besetzung  einen Feldmarschmäßig ausgerüsteten Deutschen Soldaten  mit so unsoldatischen Utensilien unter den Armen !  Am  Rathaus schritt er  an den wachhabenden Posten vorbei und stellte sich. Günter Wirth hat nach Kriegsende versucht, ihn als Künstler ausfindig zu machen, leider vergeblich. Was aus ihm geworden ist,  weiß man nicht.  Die in Heinrich Wirths Dienstelle  zivieldienstlich zugeteilten Frauen versuchten in ihre Heimatstadt zu kommen.

 

Die  Soldaten zogen  also los  und wurden  gefangen genommen. Als erstes  mußten sie  Karabiner,  Pistolen,  Uhren  und  Eheringe abgeben. Dann ging es auf Laskkraftwagen weiter in die Lager. Heinrich Wirth  landete im sogenannten "Todeslager Bad Kreuznach" und auf den Rheinwiesen,  wo mehrere Tausend Soldaten  zusammengeferscht waren. Für ca. 10 Mann gab es 1  Brot,  um das sich

die Gefangenen stritten und das am Ende zerbrochen im Wiesenmatsch landete. Die Amerikaner waren mit den gefangenen Massen Soldaten  so überforfert,  daß sie viele  an die Franzosen  zum Arbeiten  in Salzbergwerken abgab. Da sollen  die meisten von  ihnen umgekommen  sein.

 

Heinrich Wirth  wurde schwer krank und bekam überall pestartige große eiterne Beulen.  Da Saalfeld auch amerikanisch  besetzt war und seine Familie dort wohnte, entließ man ihn.  Im offenen Wagon  freute sich ein Kamerad lauthals  über seine Freilassung und als die Thüringer ihn an seiner Aussprache als Berliner erkannten,  ergriffen sie ihn  und warfen ihn aus dem fahenden Zug zwischen die Gleise.  Als er in Saalfeld  das Haus in welcher seine Familie wohnte erreichte,  waren die drei Frauen gerade zum Beerenpfücken in den Bergen.  Eine Nachbarin,  Frau Zapf, nahm sich seiner an,  wusch ihn und steckte ihn  in eins ihrer Betten. Als sein Sohn Günter nach einem  Streifzug  nach Hause kam, führte sie ihn  an das Bett,  in welchem sein Vater lag. Er erkannte ihn kaum wieder.  Er war schlohweis gewoden,  sein Gesicht  war dunkelbraun verbrannt. Zwei Wochen  in amerikanischer Gefangenschaft  hatten  aus einem  rüstigen Offizier einen kranken Greis gemacht.

 

In der kleinen Einzimmerwohnung   wohnte nun Heinrich Wirth  zu Fünft.  Seine Schwiegermutter  schlief auf den Sofa,  er  mit seiner Frau im einem der Ehebetten, sein Sohn (13) mit Herta Hoppe (35) im annderen. 

 

Absprachegemäß  zogen die Amrérikaner  nach sechs Wochen aus Thüringen ab  und die Sowjets übernahmen das Gebiet.  Da nun- sowohl Thüringen als auch Berlin  sowjetisch waren,  setze sich Heinrich Wirth dafür ein,  daß er  mit seiner Familie zurück  in die alte Heimat konnte.  Er fuhr voraus,  die Familie mit Herta folgte. Als sie am Anhalter Bahnhof ankamen, wurden sie von entlassenen oder befreiten Polen  ihrer Koffer und des Handgepäcks beraubt. Auch der Koffer mit Beckmanns Briemarken war nun futsch.

 

Ihr Haus  war zur Ruine  gebombt worden.  Der linke Hausflügel  mit dem Treppenhaus  war ein Schuttberg,  der bis   über das zweite Geschoß  hinaus ragte.  Wohnungseingang  und die halbe Küche  lagen unten  im Trümmerhaufen.  Oben sah man noch   die stehen gebliebene Küchenuhr  hängen  und die gefüllten Einmachgläse  hinter der offen stehenden  Speisekammertür.  Der.vorausgefahrene Heinrich Wirth  hatte für die Fünf  seiner Familie  eine Unterkunft erhalten  und sie konnten in ein sogenanntes `Berliner Zimmer`,  ein

Durchgangszimmer  im ersten Stock des Eckhauses  in der Mindener Straße 22  einziehen.  Das Zimmer hatte   drei mit Brettern ver-rnagelte´ Fenster,  also keine Scheiben,  der Kachelofen und die Stromkabel zerschossen.  Die Küche hatte nur noch die zum Hof hin liegende Wand, die zum  Flur gelegene Wand  war als Trümmerhaufen fortgeräumt.  Diese Küche mußten sich nun  zwei Familien tei-len und abwechselnd benutzen. 

 

Da das  Haus Mindener Straße 22 / Tauroggener Straße 40  ein Echkhaus war  und beide Korridore an ihrem Ende zusammen trafen,

konnte Heinrich Wirth im dritten Geschoss dort ein Loch durch die Wand schlagen und später eine Tür einsetzen.  Als Geormeter war es ihm ein leichtes, die notwendigen Bauzeichnungen zu erstellen, um auf einem tragfähigen Querbalken eine Zwischenwand zu stel-

len.  Sie bestand aber nur aus einigen Latten  mit Drahtgeflecht-Matten,  die mit Glaswolle gefüllt  waren und diese  Rabitzwand  telte nun das Badezimmer  in zwei Hälften,  einen Badeofen  und die Badewanne  gab es nun nicht mehr,  aber man hatte  wenigstens ein Closett und konnte zwei kleine Schränkchen stellen.  Der Flur wurde mit einer 5 cm Steinmauer zum Hof  und dem Schuttberg hin ge- schlossen und ein winziges Fensterwurde eingesetzt.

 

Heinrich Wirth  meldete seinen  Sohn Günter  in dessen alter  Friesen-Oberrealschule an.  Sie war  wegen des  zerbombten Orpheum Lichtspielheaters  zu einem Kino eingerichtet worden,  die Aula  wurde zum Kinosaal,  der nun im obersten Stock der Schule lag.  Die Kinokasse  wurde im Raum des Hausmeisters untergebracht. Die Familie ging wenigstens dreimal in der Woche ins Kino, weil es dort warm war.

 

Als Heinrich Wirth  entnazifiziert wurde,  arbeitete er voübergehend  als Tischler in einer großen Eckgaststätte  und reparierte dort alle Fenster und Türen. Dann wurde er zum Bau des für die Franzosen geplanten  neuen Flugplatzes in  Reinickendorf  als Geometer ge- braucht. Wie die zahlreichen Arbeiter von überall her  wurde auch  er  mit Lastkraftwagen  zu der Bautelle gebracht.

 

Am 31. Juli 1954 wurde er  als Stadtgeometer  im Schöneberger Rathaus  fest eingestellt und erhielt die Ernennungsurkunde  als Be-amteter Stadtinspektor  in Schöneberg.  Da nun  das weitere Leben  in geordneten Verhältnissen  zu laufen  schien  und er wieder ein sicheres Gehalt erwartete, beschloß Heinrich Wirth mit seiner Familie in Urlaub zu gehen. Er wollte mit seiner Frau die Hochzeitsreise nach Venedig  wiederholen.  Seinem 20järigen Sohn,  der noch immer in seiner Wohnung lebte,  wollte er ein Mifahren nicht zumuten und fragte ihn  nach seinen Wünschen.  Günter Wirth  entschied sich kurzer Hand  für eine Reise  an den Golf von Neapel.  Da waren

die Auagrabungsgebiete von Herculaneum und Pompei, die Inseln Capri, Procida und Ischia.

 

 

Heinrch Wirth  gab ihm 4oo Mark  und dachte bei sich,  daß er das Geld  bald durchgebracht hat  und spätestens  nach zwei Wochen wieder zu Hause sei. Als er nach drei oder vier Wochen mit seiner Frau zurück kam und der Sohn noch immer nicht da war, bekommt er es mit der Angst zu tun  und will Fahrkarten nach Neapel buchen. Als das der General Collin, Norwegischer Militärattachée erfährt, bittet er Heinrich Wirth,  seinen Sohn Frederick,  dessen Mutter gerade verstorben war,  mit nach Neapel zu nehmen. Er hatte als viel

beschäftigter Attachée für den nun mutterlosen Sohn keine Verwendung.

 

Dort in Neapel  hatte Günter  sich gut mit Atelier eingelebt.  Heinrich fuhr also  mit seiner Frau und Frederick über München, Rom und Neapel in die Via Mezzocannone Nr. 3. Sie wurden mit Günters Heim  und seinen Bekannten und Freunden  bekannt gemacht.  Lucio

lud er für 1955 zu einem Besuch in seiner Ruinenwohnung ein. 

 

Nach ein paar Tagen nahm er ihn mit auf die Rückkehr nach Berlin über Rimini und San Marino.  Sein Sohn bezog das Zimmer seiner verstorbenen Schwiegermutter. .Günter mache sein Diplom als Oberstudienrat.

 

Am 8. Juni 1965 wurde Heinrich Wirth zum Vermessungsoberinspektor ernannt. 

 

Nach 40jähriger Tätigkeit im öffentlichen Dienst wird er am 30 Juni 1967 in den Ruhestand entlassen.  Er macht mit seiner Frau noch

schöne Kurzreisen  innerhalb Deutschlands,  erkrankt  schwer,  wird Operiert  und nach Hause entlassen.  Nach 11 Jahren kommt er erneut ins Krankenhaus und stirbt am 9. Januar 1978 in Berlin-Spandau.

 

ENDE (beendet am 22. Oktober 2018):